
Denkanstoß des Monats: Über die Ausgeglichenheit der Seele

Oft sind es nicht die Herausforderungen im Leben, die uns den Frieden rauben. Es ist die Art und Weise, wie wir mit ihnen umgehen. Serenus beschrieb das seinem Freund Seneca wie folgt:
„Nicht Sturmesbrausen, sondern die Seekrankheit schüttelt mich“.
Das, wonach er sich sehnt, nennt Seneca die „Ausgeglichenheit der Seele“: ein Zustand, in dem der Geist einen stetigen Kurs verfolgt und mit sich selbst im Reinen ist, egal wie sehr es außen schwankt. Aber wie erreicht man diese Ausgeglichenheit?
Woran man den „Seekranken“ erkennt
Die „Unausgeglichenheit” der Seele zeigt sich für Seneca in Form einer rastlosen Schnelllebigkeit. Ein Mensch, der innerlich rennt. Er gestaltet seine Lebensumstände fortwährend um und sucht ständig nach Gründen, einen gerade erst gefassten Beschluss wieder zu ändern.
„Dies verrät einen kranken Menschen: keinen Zustand lange ertragen zu können, sondern Änderungen wie Heilmittel anzuwenden. […] Stets flieht so ein jeder vor sich selber.”
– Seneca
Diese Unausgeglichenheit hat laut Seneca weder etwas mit den äußeren Umständen, noch mit unseren Gefühlen zu tun. Ein Mensch kann in tiefer Trauer sein und dennoch eine innere Ausgeglichenheit bewahren. Ebenso kann jemand, bei dem objektiv alles rund läuft, innerlich gehetzt und zutiefst unausgeglichen sein.

Die fehlende Richtung
Viktor Frankl argumentiert, dass Schnelllebigkeit aus einer fehlenden inneren Richtung resultiert. Der Mensch stürzt sich in den Trubel, um vor seiner eigenen Leere zu fliehen.
„Je weniger er um ein Ziel seines Weges weiß, nur umso mehr beschleunigt er das Tempo, in dem er diesen Weg zurücklegt.“
– Viktor Frankl
Wir schauen heute mehr denn je darauf, was Andere tun. Wir übernehmen ihre Ziele, um dazuzugehören, doch im Innersten spüren wir, dass wir eine fremde Identität bewohnen. Seneca betont die Wichtigkeit radikaler Authentizität: Es ist weitaus besser, für seine einfache Art geringgeschätzt zu werden, als unter der Last einer ständigen Heuchelei zu leiden.
Zudem ist Frankl überzeugt, dass in jedem von uns eine innere Stimme existiert, die uns eine Richtung vorgibt: unser Gewissen. Unruhe entsteht meist dann, wenn wir aufhören, auf diese Stimme zu hören. Der „kranke“ Mensch ist demnach jemand, der nach einer 100-prozentigen Sicherheit im Leben sucht, die es nirgends gibt, und deshalb seinem eigenen Bauchgefühl misstraut. Diese Kombination ist fatal: Wir trauen unserer inneren Stimme nicht und meinen gleichzeitig, dass das Gras woanders grüner sei.
Laut Frankl liegt die Heilung in der Erkenntnis, dass die Antwort auf die Frage, welche Richtung wir gehen sollen, nicht „irgendwo da draußen” zu finden ist. Es ist das Leben, das uns diese Frage stellt, und es ist unsere Aufgabe, tagtäglich mit unseren Taten darauf zu antworten.

Die Flucht vor der Gegenwart
Neben dem fehlenden Ziel gibt es oft einen zweiten Grund, warum wir nicht zur Ruhe kommen: Uns fehlt die Kraft zur Akzeptanz der Realität. Wir weigern uns, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und versuchen, der Wahrheit buchstäblich davonzulaufen.
Seneca betont, dass jedes Leben in gewisser Weise eine „Gefangenschaft durch das Schicksal“ darstellt. Der Schlüssel liegt nicht im Aufbäumen gegen das Unveränderliche, sondern in der Einsicht: „Die Gewohnheit macht selbst schwere Lasten erträglich, wenn man aufhört, gegen sie anzukämpfen“. Das bedeutet nicht, die Situation zu verharmlosen oder Leid einfach „wegzustecken“. Es geht darum, das Unglück klar zu sehen, ohne es durch unnötigen Widerstand zu verschlimmern. Segler wissen: Sich bei stürmischer See unter Deck zu verstecken, macht die Seekrankheit in der Regel nur schlimmer.
Charlie Munger, der langjährige Freund und Co-Investor von Warren Buffett, nennt dieses Konzept „Soldiering Through” und beschreibt in einem Interview, wie er mit dem Tod seines Sohnes an Leukämie umgegangen ist. Das Entscheidende dabei: Man darf den Schmerz nicht verdrängen, etwa indem man versucht, die innere Leere durch noch mehr Stress auf der Arbeit zu betäuben. Vielmehr geht es darum, den Schmerz wirklich zu spüren und das Leben dennoch pflichtbewusst weiterzuführen, auch wenn das bedeutet, auf dem täglichen Arbeitsweg auf offener Straße zu weinen. Eine zutiefst stoische Haltung, die Seneca sicher bewundert hätte.
Wer mehr über diese unerschütterliche Mentalität lernen möchte, findet in Viktor Frankls Bericht über das Konzentrationslager „...trotzdem Ja zum Leben sagen“ die ultimative Anleitung, wie man selbst in tiefster Not die innere Freiheit bewahrt.
So wichtig es ist, unser Schicksal zu akzeptieren, sollten wir das Leben jedoch nicht katastrophisieren. Dafür hilft es manchmal „rauszuzoomen” und die Herausforderung, die uns das Leben stellt, im großen Ganzen zu betrachten.
„Über den Wolken... wird, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“
So müssen wir erkennen, dass neben den Schwierigkeiten in unserem Leben auch viel Gutes existiert.
Die Kunst der Balance
Wahre Ausgeglichenheit bedeutet letztlich Balance: Es ist die tägliche Übung, der Realität mutig ins Auge zu schauen und sie so zu akzeptieren, wie sie ist, während man gleichzeitig die Fähigkeit kultiviert, „rauszuzoomen“ und über den Dingen zu stehen. Und das alles, während man seinem Gewissen und der eigenen Richtung vertraut, ohne sich von der Meinung Anderer ablenken zu lassen.
Dass dieser Zustand nicht leicht zu halten ist, zeigt die Geschichte: Selbst große Stoiker wie Mark Aurel verbrachten ihr ganzes Leben damit, diese Standhaftigkeit immer wieder neu zu finden (wie man in seinen Tagebucheinträgen nachlesen kann). Ausgeglichenheit ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann besitzt. Es ist ein fortwährender Prozess des Austarierens.
Ich hoffe, dass diese Gedanken Ihnen dabei helfen können, Ihr eigenes Steuer ein Stück fester in der Hand zu halten. Mir helfen sie auf jeden Fall, wenn ich - wie so oft - mal wieder mit der Seekrankheit ringe.