
Der digitale Enkeltrick: Wenn Betrüger Stimmen klonen

Das Telefon klingelt. Gerda P. (Name geändert) nimmt den Hörer ab. „Guten Tag, hier spricht die Polizei.“ Die 85-Jährige erschrickt. „Ihre Tochter hat einen schweren Verkehrsunfall verursacht, bei dem jemand ums Leben gekommen ist“, sagt der Polizeibeamte. „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder sie zahlt eine Kaution in Höhe von 5.000 € oder wird auf Basis der Anklage inhaftiert.“
Was nach dem Anfang eines schlechten Films klingt, passiert täglich Familien in Deutschland. Dabei treffen solche Betrugsanrufe in den allermeisten Fällen ältere Menschen – wie die Mutter unserer Leserin. Als sie die Forderungen des falschen Kommissars hörte, geriet sie in Panik.
Sie suchte zuerst alles Bargeld im Haus zusammen. Anschließend wollte sie weiter zur Bank, um den Rest zu holen. Schließlich rief sie bei ihrer Enkelin an, die das ganze glücklicherweise aufklären konnte. Gerda P. ist mit dem Schrecken davongekommen. Doch bei diesem einen Anruf blieb es nicht - auch mit der Stimme ihrer Enkel und Urenkel wurde noch häufiger versucht, Geld von ihr zu fordern.
Wie KI für Betrug genutzt wird - Ein Selbstexperiment
Eine Umfrage unter unseren Lesern zeigt: Betrüger nutzen oft exakt diese Schock-Masche. Doch es wird immer schwieriger, diese Täuschungsanrufe zu erkennen. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) werden mittlerweile auch Stimmen von Angehörigen perfekt nachgestellt.
Für die Erstellung eines KI-Klons reichen schon wenige Sekunden einer Tonaufnahme der echten Stimme aus. Dieses sogenannte Voice Cloning (Stimmen-Klonen) hebt die Betrugsanrufe auf eine neue Stufe. Denn wie reagiert man, wenn nicht ein dubioser Polizist am anderen Ende der Leitung ist, sondern die unverkennbare Stimme der Tochter oder des Enkels?
Wir haben uns gefragt: Wie gut ist der Stand der Technik? Sind wir selbst in der Lage, eine Stimme zu klonen und können wir eine unechte Stimme entlarven? Um das herauszufinden, haben wir eine Teamkollegin auf die Probe gestellt.
Zuvor haben wir über eine KI-Software die Stimme unseres Gründers Till geklont. Dafür genügte eine hochwertige Podcast-Aufnahme von ihm. Daraus erstellte das Programm eine verblüffend echte Kopie, die mit unserer Kollegin telefonieren konnte. Wie das abgelaufen ist, können Sie hier sehen:

Wir haben es für Sie getestet!
Wir zeigen in diesem Video wie leicht es ist, eine Stimme mit KI zu klonen und für einen Anruf zu nutzen. Wird unsere Teamkollegin darauf hereinfallen?
Unser eigenes Experiment zeigt: Es ist erschreckend einfach, selbst junge, digitalaffine Menschen im ersten Moment zu täuschen.
Weitere digitale Betrugsmaschen
Die Berichte unserer Leserinnen und Leser zeigen neben dem Schockanruf und dem Stimmen-Klonen weitere perfide Methoden, auf die Sie dringend achten sollten:
- Gefälschte Promi-Werbung: Kriminelle erstellen mithilfe von KI Videos, in denen prominente Persönlichkeiten scheinbar für dubiose Anlagestrategien werben. Lippenbewegungen und Stimmen werden dabei so manipuliert, als würden sie tatsächlich sprechen. Opfer werden dazu verleitet, eine erste Einzahlung zu tätigen. Für die Auszahlung fiktiver Gewinne werden anschließend hohe Gebühren gefordert.
- KI-gesteuerter Liebesbetrug: Beim sogenannten „Love Scamming” erschleichen sich Täter online das Vertrauen alleinstehender Menschen. Mithilfe von KI generieren sie Profilbilder von Personen, die in der Realität gar nicht existieren. Text-Programme helfen ihnen dabei, wochenlang empathische Nachrichten zu schreiben, bevor sie plötzlich Geld fordern.
- Fehlerfreies Phishing: Betrüger nutzen KI, um täuschend echte, fehlerfreie Mails, SMS oder Briefpost im Namen einer Bank oder Behörden zu verfassen. So wird es für den Laien fast unmöglich, echte Warnungen oder Aufforderungen von gefährlichem Betrug zu unterscheiden.
- Die falsche Paketzustellung: Viele Menschen erreicht auch eine Nachricht von bekannten Lieferdiensten, die melden, dass ein Paket angeblich nicht zugestellt werden konnte, weshalb eine Gebühr gezahlt werden müsse. Ein Link führt zu perfekt gefälschten Seiten, über die versucht wird, persönliche Daten oder Kreditkarteninformationen abzugreifen.
Die wahren Folgen der Betrugsanrufe
Auswertungen der Landeskriminalämter zeigen das Ausmaß: Allein im Jahr 2023 erbeuteten Kriminelle durch die erwähnten Methoden (Schockanrufe, den Enkeltrick und falsche Polizisten) bundesweit über 117 Millionen Euro. Darüber hinaus schätzt eine Studie des Bundeskriminalamts (BKA) zur Cyber-Kriminalität den jährlichen Gesamtschaden durch Computerbetrug für Privatpersonen auf rund 700 Millionen Euro.
Da viele Fälle aus Scham nicht gemeldet werden, ist die Dunkelziffer in beiden Fällen hoch. Mit dem technischen Fortschritt und den immer raffinierteren Maschen wird der Schaden voraussichtlich weiter steigen. Wie allgegenwärtig die Gefahr ist, zeigen auch weitere Umfragen. Demnach gaben 38 Prozent der Befragten an, innerhalb eines Jahres mindestens einmal Opfer einer Straftat im Cyber-Raum geworden zu sein.
Auch wenn Betrüger mittlerweile viele digitale Wege nutzen, bleibt das Telefon ihr gefährlichstes Werkzeug für spontane Überrumpelungen. Damit Ihnen und Ihren Liebsten so ein Albtraum erspart bleibt, zeigen wir Ihnen im Folgenden, wie Sie sich am besten wappnen können.
Die 5 wichtigsten Tipps gegen Telefonbetrug
Die Polizeiliche Kriminalprävention hat einige wertvolle Tipps zu den wichtigsten Maßnahmen entwickelt, mit denen Sie sich und Ihre Angehörigen vorbereiten und im Ernstfall schützen können.
- Einfach auflegen: Beenden Sie verdächtige Anrufe sofort. Das ist nicht unhöflich, sondern Ihr wichtigstes Schutzschild, um in Ruhe durchzuatmen und sich zu sortieren.
- Selbst zurückrufen & Kennwort nutzen: Rufen Sie Ihre Angehörigen immer nur unter der Nummer zurück, die Sie selbst eingespeichert haben. Vereinbaren Sie zudem vorab ein geheimes Familien-Kennwort für den Ernstfall.
- Nichts verraten oder übergeben: Geben Sie am Telefon niemals Auskunft über Ihre familiären oder finanziellen Verhältnisse und übergeben Sie unter keinen Umständen Geld oder Wertsachen an Unbekannte.
- Die Polizei einschalten: Zögern Sie nicht. Wählen Sie sofort die 110, wenn Ihnen ein Anruf verdächtig vorkommt – und erst recht, wenn Sie befürchten, bereits Opfer geworden zu sein.
- Vorbeugen im Telefonbuch: Betrüger suchen gezielt nach älter klingenden Vornamen. Lassen Sie Ihren Vornamen im Telefonbuch abkürzen (z. B. "E. Müller" statt "Erna Müller") oder den Eintrag komplett löschen.
Unser wichtigster Rat an Sie: Sprechen Sie am besten noch heute mit Ihrer Familie und Ihren Freunden über dieses Thema und legen Sie gemeinsam ein Kennwort fest. Denn Aufklärung und offene Kommunikation bleiben der beste Schutz gegen die neuen Betrugsmaschen. Passen Sie auf sich auf!