Ein Sommer in der Wohlfühlzone

Stefan Schmitz
Vom 12.08.2026

Sebastian und Helena sitzen auf dem Oberdeck der Hamburger Elbfähre. Da, wo die Sonne scheint. Ihre Fahrräder haben sie ziemlich achtlos unten im Bauch des Schiffs gelassen. An einem düsteren Ort, der meist bevölkert wird von Männern in zu engen Hosen, die dort ihre Carbon-Rennräder bewachen. Denn die müssen beim Schiffstransport zum Trainingsrevier in Niedersachsen leider unten bleiben.

„Die im Dunkeln sieht man nicht“

So gibt es eine ungewöhnliche Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem 28-Meter-Schiff „Wolfgang Borchert“ zwischen Finkenwerder und Neumühlen. Oben die Sonne, unten der Muff. Aber anders als in der Dreigroschenoper gehört nicht den Privilegierten der Platz im Licht, sondern da sitzen die Entspannten. Und die im Dunkeln, die man bei Brecht nicht sieht, sind ausgerechnet die selbstoptimierten und allzeit leistungsbereiten Erfolgstypen in Lycra. Oben wehen Helenas rote Haare im Wind, und das gemusterte T-Shirt ihres Freundes Sebastian weht ein wenig mit. Sie hat die Sonnenbrille rausgeholt, er die Augen geschlossen.

Nach Slow Food kommt Slow Cycling

Die Erkenntnis, dass nicht immer maximales Tempo der schnellste Weg zum Glück ist, haben die beiden nicht selbst entdeckt. Vor Jahrzehnten schon forderten in Italien Verächter des Schnellimbisses ruhige Mahlzeiten; sie nannten es „Slow Food“. Die Weinbergschnecke ist ihr Wappentier. Mittlerweile existiert sogar ein „Slow Cycling Movement“. Dessen Regeln gehen so: Du sollst nicht rasen, reichlich Pause machen, gut essen und trinken – und an deinem Lenker nichts befestigen, was Zeit und Tempo misst. „No Rush. Just Vibes“, steht auf Kappen, T-Shirts und Taschen der Bewegung. Keine Hektik, gute Schwingungen.

Leben in angepasster Geschwindigkeit

Dabei lassen es Helena und Sebastian keineswegs immer gemächlich angehen, sondern sie leben gewissermaßen in angepasstem Tempo, mit Rücksicht auf die Umstände. Wenn dagegen zwei der Rennradjungs aus dem Schiffsbauch nur eine Stunde zusammen fahren, wissen beide, wer der schnellere ist. Immer. Gehört dazu. Die Umstände sind egal.

Helena und Sebastian finden Rennradfahren übrigens doof. Auf der anderen Seite der Elbe wollen sie gleich in die Tanzstunde gehen. „Heute Wiener Walzer, rechts herum“, sagt Helena. Sie freut sich. Ist das Tanzen anstrengend? „Geht so“, meint ihr Partner. Darauf sie: „Beim Jive kommt man schon ins Atmen.“ Aber vor allem sei der Kurs „Paarzeit“. Kräfte vereinen also; gemessen wird nichts.

Bild von einem Paar

Picknick-Korb verdrängt den Tacho

Als die Fähre in Neumühlen auf der nördlichen Elbseite anlegt, holen die beiden ihre Räder aus dem Highperformer-Muff im Heck. Sie entsprechen perfekt den Regeln der Langsamfahrer. Kein Tacho am Lenker, der Sattel bequem, eine Halterung für den Picknick-oder Einkaufskorb. Seit sie einen 16 Kilometer weiten Weg zur Arbeit hat, fährt Helena E-Bike. Das ist bequemer als das alte Rad, das sie von ihrer Oma geerbt hat. „Gesünder, als mit dem Auto im Stau zu stehen, ist es auch.“ Irgendwie scheint das Slow-Biking-Konzept der menschlichen Natur nicht im Wege zu stehen. Sie jedenfalls versteht es, ohne es zu kennen.

Tempowechsel statt immer Vollgas

Dass andauernde Höchstbelastung nicht zum Erfolg führt, ist selbst beim Radtraining mittlerweile eine unumstößliche Regel. Tadej Pogačar etwa, der wohl beste Rennradfahrer der Welt, trainiert legendär lange und besonders gerne in Zone zwei – also in der zweiten von fünf Belastungsstufen, was bedeutet, dass der Körper schon etwas spürt, aber sich nicht gleich zu Grunde richtet. Das Herz schlägt dann so mit 70 Prozent seiner maximalen Frequenz, der Fettstoffwechsel blubbert, in den Zellen wachsen die Kraftquellen. Das macht richtig schnell. Und fühlt sich wunderbar an, Zone zwei könnte auch Wohlfühlzone heißen.

Diagramm zu Herzfrequenz-Zonen

Ab in die Wohlfühlzone

Dabei funktioniert sie unabhängig vom Alter und auch dann, wenn man nur ein Drittel der Leistung des Profis tritt. Vielleicht ist die Kraft aus der Wohlfühlzone ja nicht nur ein Rezept fürs Radtraining. An Bord der “Wolfgang Borchert” blitzt und funkelt die Elbphilharmonie zwischen den Containerschiffen auf dem Fluss, der hier schon sehr breit ist. Über 1000 individuell geformte Glaselemente spielen mit der Sonne. Schön ist es auf dem Oberdeck. Beim Jive komme man schon ins Atmen, hat Helena gesagt. Das wäre es: Ein Sommer in der Wohlfühlzone zwischen Nichtstun und Arbeit.

Stefan Schmitz

Stefan Schmitz, 61, hat viele Jahre für große Magazine als Politik- und Wirtschaftsjournalist gearbeitet. Jetzt schreibt und redigiert er für den Afilio-Ratgeber und steht uns mit seiner Expertise beratend zur Seite.

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