
Es werden immer weniger Kinder geboren. Woran liegt’s?

Das Statistische Bundesamt hat die jüngsten Zahlen vorgelegt: Im vergangenen Jahr kamen in Deutschland lediglich 654.300 Kinder zur Welt – so wenige wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Zahl der Sterbefälle überstieg 2025 mit rund 1,01 Millionen die Zahl der Geburten um 352.000. Woran liegt das?
Nach einer besonders harten Nacht mit zwei kleinen Kindern fällt es mir heute leichter, die Gründe nachzuvollziehen. Ich würde sie nicht wieder hergeben, aber die Einschnitte sind spürbar: Ständig ist jemand krank, es bleibt kaum Zeit für Hobbys oder Erholung. Ein Gehalt fällt weg, gleichzeitig braucht man eine größere Wohnung und die Urlaube werden doppelt so teuer.
Das sind gute Gründe gegen das Kinderkriegen – aber sie sind nicht neu und erklären daher nicht den klaren Abwärtstrend der letzten Jahrzehnte:

Sogar 1946 waren es mehr Kinder
Besonders beeindruckend finde ich den Wert, der es nicht auf die Grafik des Statistischen Bundesamtes geschafft hat – den allerersten seit Beginn der Zählung: Im Jahr 1946 wurden in Deutschland fast eine Million Kinder auf die Welt gebracht. Sie dürften auch damals schon anstrengend und teuer gewesen sein.
Deutschland war in vier Besatzungszonen aufgeteilt, zählte 20 Millionen Einwohner weniger als heute und durch den Krieg kamen auf 100 Frauen nur 76 Männer. Es gab eine massive Wohnungskrise und in weiten Teilen des Landes eine Hungersnot – ganz zu schweigen von der medizinischen Versorgungssituation.

Wie kann es sein, dass in den Trümmern der 1940er Jahre fast 40 % mehr Kinder geboren wurden als heute?
Es liegt nicht an steigender Kinderlosigkeit
Entgegen der weitverbreiteten Annahme ist der Grund nicht, dass damals mehr Frauen Kinder bekommen haben. Das ist zwar so, macht aber nur einen kleinen Teil des Effekts aus. Die Hauptursache ist, dass damals die Familien größer waren.

Dafür gibt es offensichtliche Gründe. Es gab keinen flächendeckenden Zugang zu Verhütungsmitteln. „Die Pille“ gibt es in Deutschland erst seit Ende der 60er-Jahre – sie wurde anfangs primär Frauen verschrieben, die bereits Kinder hatten und keine weiteren wollten.
Auch die Rolle der Frau war damals noch traditioneller geprägt. „Mutter sein“ hat den gesellschaftlichen Status weitaus stärker erhöht, als es heute der Fall ist. Und da Frauen im Vergleich zu Männern viel weniger verdient haben als heute, war der Verdienstausfall im Verhältnis nicht so gravierend.
Wenn ich meine eigene Situation und mein Umfeld betrachte, sehe ich aber auch noch einen weiteren und vielleicht noch wichtigeren Grund: die Easterlin-Hypothese.
Die Easterlin-Hypothese
Der US-amerikanische Ökonom Richard Easterlin (1926–2024) untersuchte die Bevölkerungsentwicklung des 20. Jahrhunderts und fand heraus, dass junge Erwachsene erst den gesellschaftlichen Status und den Lebensstandard ihrer Eltern erreichen wollen, bevor sie selbst dazu bereit sind, eine Familie zu gründen. Je stärker der wirtschaftliche Aufschwung, desto früher wird geheiratet und desto mehr Kinder werden geboren.
Mein Großvater, Jahrgang 1923, hat sich als Kind zu Weihnachten eine Salami gewünscht. Die gab es sonst nicht. Als er 1956 zum ersten Mal Vater wurde, war sein Lebensstandard schon weitaus höher als der seiner Eltern in seiner Kindheit. Und so ging es in Deutschland jahrzehntelang immer weiter bergauf.
Heute haben wir, zumindest gefühlt, ein Plateau erreicht. Wir Jungen können uns nicht mehr so gut vorstellen, wie wir den Standard unserer Eltern mit nur einem Gehalt und den hohen Kosten einer großen Familie erreichen sollen. Vor allem die explodierenden Wohnkosten und Immobilienpreise sind hier ausschlaggebend.
Es ist schon ironisch: Auf allen Ebenen geht es uns heute viel besser als 1946. Aber die relative Veränderung von Jahr zu Jahr und besonders von Generation zu Generation ist abgeflacht. Und genau dieser Mangel an Aufstiegserwartung drückt auf die Geburtenrate.
Mein persönliches Fazit
Trotz schlafloser Nächte wünschen meine Frau und ich uns eine große Familie. Vielleicht kann ich deshalb nicht stellvertretend für meine Generation sprechen. Ehrlich gesagt ist es aber auch für mich keine wirkliche Option, meinen Kindern einen geringeren Lebensstandard zu bieten, als ich selbst als Kind hatte. Bei mir ist nur der Kinderwunsch größer als die Sorge davor, nicht genug Geld zu verdienen.
Ich sehe das als weiteren Ansporn, das Beste aus meinen Möglichkeiten zu machen. Diese Klarheit verursacht zwar Druck, wirkt aber gleichzeitig sehr befreiend. Von einer Sinnkrise bin ich jedenfalls meilenweit entfernt – und viel mehr kann man sich als junger Mensch wahrscheinlich nicht wünschen.