
Plötzlich Funkstille: Wenn die Familie zerfällt

Wer wünscht sich das nicht: Eine Familie, in der einer den anderen liebt und stützt. Unzertrennlich. Für immer. Diesem gesellschaftlichen Ideal gerecht zu werden, ist nie leicht und manchmal unmöglich. Aber was geschieht, wenn Eltern und Kinder keinen Kontakt mehr haben? Wenn alle Bindungen brechen?
Es sind beinahe fünf Jahre vergangen, seit Tanja L.* ihren Sohn das letzte Mal gesehen hat. Fünf Jahre, in denen die Mutter nicht weiß, wie es ihrem Sohn geht, was er macht, wie er fühlt. Sie leben in derselben Stadt und sehen sich trotzdem nicht. „Ich schwanke immer wieder zwischen Trauer und Wut. Ich weiß nicht, was ich tun würde, würden wir uns wiedersehen. Ob ich ihn direkt umarme oder ihn erst einmal anschreie und frage, wieso er mir das angetan hat.“ Auslöser sei ein Familienstreit an einem Herbsttag gewesen. Worum es ging, weiß die 54-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder nicht mehr genau. Nichts Gravierendes, sagt sie. Eine kleine Diskussion. Und dann ein großer Knall. Der Sohn stürmt mit seiner Freundin aus dem Haus und Tanja L. weiß instinktiv: Dieser Streit ist anders als alle anderen Meinungsverschiedenheiten zuvor.
Der Kontaktabbruch scheint radikal und unfassbar. Dabei ist Tanjas Geschichte kein Einzelfall. Nach vorsichtigen Schätzungen von Soziologen brechen rund 100.000 Erwachsene in Deutschland von sich aus den Kontakt zu den Eltern ab. Die reale Zahl könnte noch weit höher sein. Genauso die Zahl derer, die generell keinen Kontakt mehr zu Eltern oder Kindern haben. Verifizierbare Statistiken gibt es dazu nicht. Es ist ein Tabu, das nur selten offen angesprochen wird.
*Name von der Redaktion geändert.
Die stille Katastrophe
Die Gründe für einen Kontaktabbruch sind vielfältig. Körperliche und seelische Gewalt sind die nachvollziehbarsten. Schwieriger wird es, wenn sich Kinder einfach nicht mehr verstanden fühlen und sich deshalb zurückziehen. „Viele Eltern merken nicht, wie sie wirken mit ihren Bemerkungen, Bewertungen, Einmischungen und Versuchen der ständigen Beelterung”, sagt der Heilpraktiker, Therapeut und systemische Coach Jochen Rögelein. “Wenn eine Mittsechziger Mutter im Beisein ihrer Mittdreißiger Tochter vorwurfsvoll fragt, ob sie jetzt gar nichts mehr sagen dürfe, beschreibt das unsere Arbeit sehr genau.“
Rögelein begleitet sowohl Eltern als auch Kinder, die keinen oder nur sehr wenig Kontakt zueinander pflegen oder ihn langsam wieder herstellen möchten. „Zusätzlich haben erwachsene Kinder oft kein Interesse an der Auseinandersetzung wie in einem mir bekannten Fall, bei dem die Söhne extrem konfliktscheu sind. Eltern sollen sich dann für etwas entschuldigen, wissen aber tatsächlich nicht wofür. Die Forderung nach Entschuldigung erscheint oft wie ein Vorwand, aber auch ein Machtmittel“, erklärt Rögelein.
Der kurze Weg zum Beziehungs-GAU
Seit dem Streit herrscht zwischen Tanja L. und ihrem Sohn komplette Funkstille. Aus einem banalen Gespräch entwickelte sich damals eine so heftige Diskussion, bei der vor allem ihr Sohn und ihr Mann aneinander gerieten. Michael* sei schon immer impulsiv gewesen, sehr euphorisch und extrem, sowohl bei negativen als auch bei positiven Dingen. „Er reagierte extrem emotional in alle Richtungen. Ich dachte allerdings nie, dass es so weit kommen würde“, sagt sie.
Sie versuchte mehrmals Kontakt aufzunehmen. Briefe, WhatsApp-Nachrichten und Anrufe blieben bisher unbeantwortet. Ein klärendes Gespräch gab es nicht. „Ich habe ständig Angst, etwas falsch zu machen. Bei jedem Status in WhatsApp frage ich mich, wie es wohl bei ihm ankommt. Zeige ich mich zu glücklich oder zu traurig ohne ihn? Wie fühlt er sich, wenn er Bilder von uns als Familie sieht. Und sieht er es überhaupt?“
Tanja sagt, Streit habe es immer mal wieder gegeben. Ihrer Ansicht nach waren es aber nie so gravierend, dass es zu einem Kontaktabbruch hätte führen können. Auch fehlende Liebe kann sie sich nicht vorwerfen. Mutter und Sohn hätten immer ein sehr inniges Verhältnis gehabt. Noch als Jugendlicher sei der Sohn nach den Ferien sogar manchmal zum Kuscheln ins Bett gekommen und habe ihr seine Sorgen anvertraut.

Es sind beinahe fünf Jahre vergangen, seit Tanja L.* ihren Sohn das letzte Mal gesehen hat. Fünf Jahre, in denen die Mutter nicht weiß, wie es ihrem Sohn geht, was er macht, wie er fühlt. Sie leben in derselben Stadt und sehen sich trotzdem nicht. „Ich schwanke immer wieder zwischen Trauer und Wut. Ich weiß nicht, was ich tun würde, würden wir uns wiedersehen. Ob ich ihn direkt umarme oder ihn erst einmal anschreie und frage, wieso er mir das angetan hat.“ Auslöser sei ein Familienstreit an einem Herbsttag gewesen. Worum es ging, weiß die 54-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder nicht mehr genau. Nichts Gravierendes, sagt sie. Eine kleine Diskussion. Und dann ein großer Knall. Der Sohn stürmt mit seiner Freundin aus dem Haus und Tanja L. weiß instinktiv: Dieser Streit ist anders als alle anderen Meinungsverschiedenheiten zuvor.
Der Kontaktabbruch scheint radikal und unfassbar. Dabei ist Tanjas Geschichte kein Einzelfall. Nach vorsichtigen Schätzungen von Soziologen brechen rund 100.000 Erwachsene in Deutschland von sich aus den Kontakt zu den Eltern ab. Die reale Zahl könnte noch weit höher sein. Genauso die Zahl derer, die generell keinen Kontakt mehr zu Eltern oder Kindern haben. Verifizierbare Statistiken gibt es dazu nicht. Es ist ein Tabu, das nur selten offen angesprochen wird.
*Name von der Redaktion geändert.
Die stille Katastrophe
Die Gründe für einen Kontaktabbruch sind vielfältig. Körperliche und seelische Gewalt sind die nachvollziehbarsten. Schwieriger wird es, wenn sich Kinder einfach nicht mehr verstanden fühlen und sich deshalb zurückziehen. „Viele Eltern merken nicht, wie sie wirken mit ihren Bemerkungen, Bewertungen, Einmischungen und Versuchen der ständigen Beelterung”, sagt der Heilpraktiker, Therapeut und systemische Coach Jochen Rögelein. “Wenn eine Mittsechziger Mutter im Beisein ihrer Mittdreißiger Tochter vorwurfsvoll fragt, ob sie jetzt gar nichts mehr sagen dürfe, beschreibt das unsere Arbeit sehr genau.“
Rögelein begleitet sowohl Eltern als auch Kinder, die keinen oder nur sehr wenig Kontakt zueinander pflegen oder ihn langsam wieder herstellen möchten. „Zusätzlich haben erwachsene Kinder oft kein Interesse an der Auseinandersetzung wie in einem mir bekannten Fall, bei dem die Söhne extrem konfliktscheu sind. Eltern sollen sich dann für etwas entschuldigen, wissen aber tatsächlich nicht wofür. Die Forderung nach Entschuldigung erscheint oft wie ein Vorwand, aber auch ein Machtmittel“, erklärt Rögelein.
Der kurze Weg zum Beziehungs-GAU
Seit dem Streit herrscht zwischen Tanja L. und ihrem Sohn komplette Funkstille. Aus einem banalen Gespräch entwickelte sich damals eine so heftige Diskussion, bei der vor allem ihr Sohn und ihr Mann aneinander gerieten. Michael* sei schon immer impulsiv gewesen, sehr euphorisch und extrem, sowohl bei negativen als auch bei positiven Dingen. „Er reagierte extrem emotional in alle Richtungen. Ich dachte allerdings nie, dass es so weit kommen würde“, sagt sie.
Sie versuchte mehrmals Kontakt aufzunehmen. Briefe, WhatsApp-Nachrichten und Anrufe blieben bisher unbeantwortet. Ein klärendes Gespräch gab es nicht. „Ich habe ständig Angst, etwas falsch zu machen. Bei jedem Status in WhatsApp frage ich mich, wie es wohl bei ihm ankommt. Zeige ich mich zu glücklich oder zu traurig ohne ihn? Wie fühlt er sich, wenn er Bilder von uns als Familie sieht. Und sieht er es überhaupt?“
Tanja sagt, Streit habe es immer mal wieder gegeben. Ihrer Ansicht nach waren es aber nie so gravierend, dass es zu einem Kontaktabbruch hätte führen können. Auch fehlende Liebe kann sie sich nicht vorwerfen. Mutter und Sohn hätten immer ein sehr inniges Verhältnis gehabt. Noch als Jugendlicher sei der Sohn nach den Ferien sogar manchmal zum Kuscheln ins Bett gekommen und habe ihr seine Sorgen anvertraut.
Sehnsucht nach Verständnis und Respekt
Das Familienbild hat sich über die Jahre verändert. Während Eltern-Kind-Beziehungen in früheren Generationen eher distanziert und kühl waren, sind sie heute sehr innig und oft überfürsorglich. Eltern engen die Kinder nicht selten ein, meint Jochen Rögelein. Hinzu kämen laut dem Therapeuten neue Lebensformen und -stile, die immer weniger miteinander kompatibel seien.
Dieser Riss, der durch die Gesellschaft ginge, ziehe sich demnach auch durch Familien. Oft sei es Respekt, den sich Kinder von ihren Eltern so sehr wünschen. „Ältere Menschen haben eine gewisse Resilienz entwickelt im respektlosen Umgang zwischen Menschen und Hierarchien und treten vielleicht schneller übergriffig auf“, meint Rögelein.
Demgegenüber steht die nächste Generation, die sehr viel Wert auf eben diesen Respekt legt. Zum Beispiel, weil sich Kinder für eine Lebensform entscheiden, die den Eltern so gar nicht zusagt. Während die eine Seite Unverständnis zeigt, treten die Kinder stark moralisierend und vorwurfsvoll auf. Die Positionen verhärten sich, weil viele Eltern glauben, man sei doch aus dem selben Holz geschnitzt. „Bei diesen unüberwindbaren Differenzen ist ein Kontaktabbruch für viele der einzige Ausweg.“
Austausch zwischen „Verlassenen Eltern” spendet Trost
Auch Thomas Pabst hat zeitweise keinen Kontakt zu seinen beiden Kindern. Er kennt das Gefühl der Hilflosigkeit; nicht zu verstehen, was in den Kindern vorgeht. Bei der Suche nach Unterstützung stieß er auf Gesprächsgruppen von Eltern mit demselben Schicksal. Weil die Treffen aber während seiner Arbeitszeit stattfanden, gründete er kurzerhand eine eigene Gesprächsgruppe. „Verlassene Eltern“ sprechen in der gleichnamigen Gruppe miteinander über das Erlebte, finden Trost bei ihrer Trauer um das verlorene Kind und entwickeln manchmal sogar Verständnis für deren Verhalten.
„Nur wenige Eltern können die Entscheidung des Kindes wirklich nachempfinden. Überwiegend sind es Frauen, die den Leidensdruck als enorm empfinden und sich austauschen möchten. Männer machen das größtenteils mit sich selbst aus oder kommen meistens gemeinsam mit ihrer Frau.“ Manche der Eltern würden nur 100 Meter von den Kindern entfernt leben, laufen sich zufällig über den Weg und das Kind behandelt sie wie Fremde, erzählt Thomas Pabst. Akzeptieren falle da schwer, egal wie viel Zeit verstrichen sei.
Eines der letzten Tabus
Tanja L. kämpft bis heute damit, dass ihr Sohn sich nicht meldet. Die Hoffnung stirbt zuletzt, meint sie, aber allzu viel ist davon nicht mehr übrig. „Das Schlimme ist, ich kann es selbst nicht steuern oder alleine regeln, weil zwei Seiten dazu gehören. Ich warte, hoffe an jedem Geburtstag oder an Weihnachten, dass etwas kommt. Da ist immer der Blick aufs Handy, in den Briefkasten. Aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr schwindet die Hoffnung.“
Mittlerweile geht sie ganz offen damit um, wenn jemand fragt, wie es denn ihrem Sohn ginge. Am Anfang suchte sie noch nach Ausflüchten, aber das funktionierte irgendwann nicht mehr. Das Schlimme sei für sie allerdings, dass niemand wirklich mit ihr darüber spricht. „Manchmal", sagt sie, „fühlt es sich so an, als wäre mein Kind gestorben. Wahrscheinlich würde mich in dem Fall öfter jemand fragen, wie es mir wirklich geht. Aber wenn man sein Kind auf diese Weise verliert, will niemand das Thema ansprechen. Die paar Nahestehenden, die fragen, verstehen nicht, wieso wir uns nicht einfach zusammensetzen und reden. Ich war immer stolz auf und dankbar für meine Familie. Das habe ich jeden Abend in mein Tagebuch geschrieben. Jetzt schreibe ich das nicht mehr.“
