„Viele wollen einfach mal mit jemandem reden“

Franziska Wolffheim
Vom 12.08.2026

Immer mehr alte Menschen sind einsam. Corona hat die Gefahr, den sozialen Halt zu verlieren, noch verstärkt. Wie allgegenwärtig das Problem ist, zeigt auch das große Interesse am telefonischen Angebot des Silbernetz. Seit die Hotline 2018 live geschaltet wurde, gingen mehr als eine Million Anrufe ein. Gegründet wurde es von Elke Schilling. Wir sprachen mit ihr über Einsamkeit, Hoffnung und Verzweiflung – und die entspannende Wirkung von Kräutern und Balkonblumen.

Frau Schilling, was bedeutet es eigentlich, einsam zu sein?

Einsamkeit ist das Gefühl, nicht genügend enge Kontakte zu haben, denen ich mich anvertrauen kann, ein Gefühl des Mangels. Das kann momentan sein oder auch dauerhaft. Dabei ist das Gefühl immer subjektiv: Ich kann zwei enge Freunde haben, damit total zufrieden sein und mich nie einsam fühlen. Ich kann auch einfach mit mir selbst glücklich sein, ganz ohne Beziehungen zu anderen. Zum Beispiel habe ich eine Freundin, die kaum Kontakte hat, nur eine lose Verbindung zur Tochter, und nichts vermisst. Dagegen kann ich mich auch in einer großen Menge einsam fühlen, weil es mir nicht gelingt, Kontakt zu den anderen Menschen herzustellen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich auf das Thema Einsamkeit im Alter fokussiert haben?

Da ist mehreres zusammengekommen. Ich wohne in Berlin in einem Mietshaus. 2014 ist mein Nachbar, ein stiller älterer Herr, in seiner Wohnung tot aufgefunden worden, er war schon einige Monate tot. Ich dachte, dass er verreist war, aber dem war nicht so. Sein einsamer Tod hat mich schockiert.

Ein anderes Erlebnis hatte ich in meiner Tätigkeit als ehrenamtliche Telefonseelsorgerin, vor meiner Zeit bei Silbernetz. Ein 85-Jähriger rief bei uns an, er war alleinstehend, hatte keine Freunde. Er sagte, dass die Reihen um ihn herum leer geworden seien, er wisse nicht, warum er noch leben solle. Der Anruf ist mir nachgegangen und spielte ebenfalls eine Rolle bei meiner Entscheidung, 2016 Silbernetz zu gründen und aktiv mitzumachen.

Silbernetz ist vor allem eine Telefon-Hotline für Menschen ab 60, die Anrufer können anonym bleiben. Wie stark wird sie genutzt?

Die Zahl der Anrufer ist von Jahr zu Jahr gestiegen, auch durch Corona, die Pandemie hat die Einsamkeit noch verstärkt. Seit 2018 sind wir live geschaltet, bislang haben wir mehr als eine Million Anrufe bekommen.

Das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) hat jetzt in einer Studie die Reichweite und Wirkung von Silbernetz untersucht. Was ist dabei herausgekommen?

Die Ergebnisse sind sehr positiv: Selbst kurze Gespräche können Einsamkeit spürbar lindern. Zum anderen erreicht Silbernetz Menschen, die durch ihre Einsamkeit besonders belastet und sonst schwer erreichbar sind. Für sie kann Silbernetz ein Türöffner für weitere Hilfen sein.

Die Telefonzeit für die Anrufenden ist auf 20 Minuten pro Tag begrenzt. Haben Sie so etwas wie Stammkunden, die regelmäßig anrufen?

Ja. Manche melden sich täglich, andere wöchentlich und manche nur ein- oder zweimal.

Rufen mehr Frauen als Männer bei Ihnen an?

Auf jeden Fall. Nur jeder fünfte Anruf kommt von einem Mann. Frauen haben offenbar weniger Barrieren, sich anzuvertrauen.

Foto von Elke Schilling

Elke Schilling

Elke Schilling, geboren 1944 in Leipzig und von Haus aus Mathematikerin, ist in der DDR aufgewachsen. Nach der Wende ging sie für Bündnis 90/Die Grünen in die Politik und wurde Staatssekretärin für Frauenpolitik in Sachsen-Anhalt, später Seniorenvertreterin für Berlin-Mitte.

Zehn Jahre arbeitete Schilling ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge, bevor sie Silbernetz gründete. 2025 bekam sie das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement. Ihr Buch „ ,Die meisten wollen einfach mal reden‘. Strategien gegen Einsamkeit im Alter“ ist im Handel nicht mehr erhältlich, kann aber über Silbernetz gegen eine Spende bestellt werden.

Welche Anrufe sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Kurz vor Ostern 2020, im ersten Lockdown, rief eine alte Dame aus Berlin an, die ganz verzweifelt war, weil ihr Sohn und ihr Enkelsohn Ostern nicht zu ihr kommen konnten. Die beiden hatten sie jahrelang Ostern besucht. Ich habe ihr vorgeschlagen, sich vom Sohn ein Smartphone schicken zu lassen und über Video zu telefonieren. Sie fand das toll, so konnte sie ihre Verwandten dann wahrscheinlich doch sehen.

Ein anderes Mal rief eine 104-Jährige aus Süddeutschland an. Sie lebte im Haus ihrer Familie im zweiten Stock, unten wohnten die jüngeren Verwandten, die sie jedoch selten besuchten. Bemerkenswert fand ich, dass sie trotzdem eine ruhige Gelassenheit ausstrahlte.

Nehmen Sie diese Geschichten mit nach Hause?

Nein, ich versuche abzuschalten. Ich habe einen bunt bewachsenen Balkon mit Blumen, Kräutern und Tomaten, zupfe an allem herum, das entspannt mich. Oder ich gehe draußen spazieren, ich wohne zwischen zwei großen Parks.

Können Sie Ihren Anrufenden noch andere Angebote machen, jenseits der Telefon-Hotline?

Sie können auch eine Silbernetz-Freundschaft eingehen, wenn sie sich regelmäßige Gespräche wünschen. Sie werden dann mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter von uns verbunden. Man vereinbart gemeinsam einen festen regelmäßigen Telefontermin, normalerweise einmal die Woche. Auch das hilft, aus der Einsamkeit ein Stück weit herauszukommen.

Pflege­nde Angehörige können ebenfalls einsam sein, weil sie häufig ihre sozialen Kontakte vernachlässigen müssen. Rufen diese Menschen auch bei Ihnen an?

Das kommt immer wieder vor. Die Angehörigen geben all ihre Zeit in die Pflege des Familienmitglieds, 24 Stunden, rund um die Uhr. Sie freuen sich, wenn sie mal eine andere Stimme hören, sich aussprechen können. Das sagen sie dann auch.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie nicht wirklich helfen können und am Ende eines Telefonats die Menschen mitunter hilflos zurücklassen müssen?

Viele sagen, dass es ihnen schon hilft, überhaupt mit jemandem zu reden. Manche fühlen sich auch deshalb allein gelassen, weil ihre Kinder oder Freunde schon abwinken, wenn sie wiederholt ein Thema ansprechen, das sie belastet. Das kann zum Beispiel die Trauer über den Verlust des Partners vor ein paar Jahren sein. Die Kinder sagen dann: Mama, nicht schon wieder, es wird Zeit, dass du darüber hinwegkommst. Wir von Silbernetz sagen das nicht, sondern hören einfach zu. Es gibt keine Norm, wann man aufhören soll zu trauern. Andere rufen an, weil sie unter psychischen Krankheiten leiden, Depressionen oder Angst­störungen. Auch darüber können sie mit uns offen sprechen. Ihre Kinder oder Freunde haben dagegen oft klar gemacht, dass sie nicht ständig damit konfrontiert werden möchten. Auch Ablehnung kann einsam machen.

Ist Einsamkeit nach Ihrer Erfahrung schambelastet?

Das weniger, wir erleben das eher als Resignation, mit der Haltung: Mein Leben ist eben so, und ich kann daran nichts ändern. Viele denken auch, dass ihnen der Kontakt zu anderen Älteren nichts bringt, weil eh nur über Krankheiten gesprochen wird. Auch das führt dann dazu, dass sie vereinsamen.

Silbernetz e.V.

Silbernetz finanziert sich aus Spenden und staatlichen Zuschüssen. Für die deutschlandweite Hotline sind 24 feste und 75 ehrenamtlich Mitarbeitende, weitere 300 als Silbernetz-Freund*innen aktiv. Die Anrufe sind kostenfrei. Das Silbertelefon (www.silbernetz.org) ist von 8 bis 22 Uhr unter der Nummer 0800 4 70 80 90 erreichbar.

Warum fällt es vielen Betroffenen schwer, über ihre Einsamkeit zu sprechen, Hilfe anzunehmen?

Meist wollen alte Menschen anderen nicht zur Last fallen. Sie haben die negativen Altersbilder, die es in unserer Gesellschaft gibt – etwa, dass die Alten der Gesellschaft finanziell auf der Tasche liegen – ein Stück weit verinnerlicht. Sie glauben selbst, überflüssig zu sein, sozusagen Totholz, deshalb holen sie sich keine Hilfe. Ich finde das sehr traurig. Viele dieser Menschen sind körperlich und geistig fit, haben vielfältige Erfahrungen, das ist ein riesiges Geschenk. Langlebigkeit ist die größte soziale Errungenschaft des letzten Jahrhunderts.

Hat die Politik darauf die richtigen Antworten gefunden?

Noch lange nicht. Ich fände es zum Beispiel gut, wenn es in der Regierung eine zentrale Stelle gäbe, die alle Vorschläge aus den verschiedenen Ministerien daraufhin prüft, inwieweit sie auch den Bedürfnissen alter Menschen gerecht werden. Das betrifft ganz viele Bereiche, Pflege, Gesundheit, Bildung, öffentliche Mobilität, Digitalisierung oder Verkehr. Alte Menschen dürfen hier nicht ausgegrenzt werden. Auch konkrete Maßnahmen in den Städten und Kommunen sind gut, etwa die „Quasselbänke“, bunt bemalte Bänke, auf denen man sitzen und mit anderen in Kontakt treten kann.

Plaudern macht glücklich?

Genau. Alte Menschen, die oft wenig Geld haben, können hier ohne Verzehrzwang mit anderen zusammenkommen. Es sollte viel mehr solcher Initiativen geben.

Wenn Sie in jeder deutschen Stadt einen einzigen Satz auf ein Plakat schreiben könnten – welcher wäre das?

Eine schöne Idee! Für mich wäre das der Satz: „Schenken Sie einem alten Menschen ein Lächeln!“ Dazu muss man ihm oder ihr in die Augen schauen – wer tut das schon noch?

Sie haben ein Buch geschrieben über Strategien gegen Alterseinsamkeit. Was ist Ihre zentrale Botschaft?

Es sind vor allem zwei Botschaften. Zum einen ist es ein Satz von Erich Kästner: „Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!“ Das heißt: Ältere sollten sich nicht die Klischees, die es über sie gibt, selbst zu eigen machen, sondern sich dagegen wehren. Zum anderen ist es gut, offen zu bleiben, rauszugehen, solange sie mobil sind, ein Ehrenamt machen. Solange sie neugierig sind, Freude am Leben haben, hat Einsamkeit wenig Raum.

Franziska Wolffheim

Franziska Wolffheim ist freie Journalistin und Buch-Autorin. Sie schreibt u. a. für ZEIT online, Psychologie heute, chrismon und den Berliner Tagesspiegel. Themen aus den Bereichen Psychologie, mentale Gesundheit, Alter/Älterwerden und Fitness liegen ihr besonders am Herzen. Sie selbst versucht, sich mit Yoga, Krafttraining und Joggen fit zu halten. Im Urlaub liebt sie E-Bike-Touren. Eine ihrer aufregendsten Touren: mit dem Rad von Venedig bis zum schönen Küstenort Poreč in Kroatien.

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