
Oma für einen Nachmittag

Omas sind großartig, Opas natürlich auch. Sie haben Geduld und Zeit, vermitteln Sicherheit und Erfahrung. Nebenbei entlasten sie die Eltern – und profitieren selbst vom Kontakt zu den Enkeln. Und wenn keine Großeltern da sind? Dann können ehrenamtliche Wunsch-Omas und -Opas einspringen.
Gerlinde aus Stuttgart hat mehr als 60 Enkelkinder. Zumindest, wenn man alle Kinder aus den Familien zusammenzählt, die sie als Wunsch-Oma unterstützt hat. Seit 17 Jahren springt sie ein, wenn Eltern Hilfe brauchen und keine Verwandten in der Nähe leben. Zurzeit besucht sie drei Familien. Jeweils einen Nachmittag pro Woche verbringt die 66-Jährige mit den Kindern. Manche holt sie vom Kindergarten ab, liest ihnen vor oder spielt mit ihnen. Eine Mutter mit Zwillingen begleitet Gerlinde zum Kinderturnen. Einem ihrer Schützlinge schenkte sie zum Geburtstag einen Ausflug zum Flughafen. Manchmal schaukelt sie ein Baby in den Schlaf, während die Mutter die Wäsche macht.
Als Gerlinde zum ersten Mal von den „Wunschgroßeltern“ hörte, arbeitete sie noch als Küchenhilfe in einer Kindertagesstätte. „Ich war allein und hatte die Nachmittage frei, ich fühlte mich sofort angesprochen“, erzählt sie.
Wunschgroßeltern- oder Leihgroßeltern-Projekte gibt es in vielen Städten und Gemeinden. Die Seniorinnen und Senioren schenken Familien, mit denen sie nicht verwandt sind, ihre Zeit. Das entlastet die Eltern – und die Kinder gewinnen eine weitere Bezugsperson. Die geliehenen Großeltern sollen dabei aber bewusst kein Ersatz für eine reguläre Kinderbetreuung sein. Im Vordergrund stehen die gemeinsamen Erlebnisse.

Kinderbetreuung hält geistig fit
Auch die Wunsch-Omas und Wunsch-Opas profitieren. Sie bekommen im besten Fall Familienanschluss – ein Mittel gegen Einsamkeit. Manchmal entstehen Beziehungen, die jahrelang halten. Zudem fand eine Studie des Psychologenverbands American Psychological Association heraus, dass Großeltern, die sich um Kinder kümmern, geistig fitter sind. Sie schneiden bei Gedächtnistests besser ab und haben bessere sprachliche Fähigkeiten.
Wie wichtig ältere Menschen für die Kinderbetreuung sind, unterstreicht eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und des DIW Berlin aus dem Jahr 2022. Sie fragt im Titel „Oma und Opa gefragt?“. Und kommt zu einem klaren Schluss: „Diese Frage muss eindeutig mit einem ‚Ja‘ beantwortet werden.“ Wo leibliche Großeltern fehlen, können ehrenamtliche und professionelle „Großelterndienste“ einen Ausgleich schaffen, heißt es darin.
Gerlinde findet ihre Familien über die „Wunschgroßeltern Stuttgart“. Vor mehr als 30 Jahren gründeten ein paar Frauen sozusagen am Küchentisch den Großelternservice, um Familien in der Großstadt zu entlasten. Heute ist der Dienst Teil der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart.
Wunschgroßeltern gesucht – die Warteliste ist lang
Geleitet wird das Wunschgroßeltern-Büro von Heidemarie Bohn. „Meine Mutter war alleinerziehend“, erinnert sie sich. „Wenn sie arbeiten war, wärmte eine Nachbarin mir mittags das Essen auf.“ Solche Unterstützung möchte sie vermitteln. Davon haben auch die Seniorinnen und Senioren etwas, ist sie überzeugt: „Ich habe selbst sieben Enkelkinder, das ist eine große Bereicherung.“
Der Bedarf ist groß. Mehr als 50 Familien stehen auf Heidemarie Bohns Warteliste. In ihrem Büro liegt ein voller Ordner mit den Anfragen von Eltern, die dringend Unterstützung für ihre Kinder brauchen. Demgegenüber stehen einige wenige Wunschgroßeltern. „Wir bräuchten viel mehr Ehrenamtliche, um allen Familien helfen zu können“, sagt Bohn.
Voraussetzungen: Geduld und Herzenswärme
Wer Wunsch-Oma oder Wunsch-Opa werden möchte, muss ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. In einem Vorgespräch fragt Leiterin Heidemarie Bohn nach der Motivation. „Wunschgroßeltern sollten fit und geduldig sein und Herzenswärme haben“, sagt sie. Regelmäßig erhalten sie Fortbildungen, etwa zur Sicherheit im Straßenverkehr oder Erster Hilfe. Für die geleisteten Stunden bekommen sie eine Aufwandsentschädigung.
Hat ein Wunschgroßelternteil eine Familie aus Bohns Kartei ausgewählt, findet zunächst ein Kennenlerntreffen statt. Danach übernimmt die Seniorin oder der Senior eine Betreuung auf Probe. Nicht immer stimmt die Chemie. Oder die Erwartungen passen nicht zusammen. Einmal sollte Gerlinde auf ein vierjähriges Mädchen aufpassen. Doch das konnte sich nicht von der Mutter trennen. Ein anderes Mal fand Gerlinde zwar einen Draht zur Tochter der Familie, doch der ältere Bruder lehnte sie ab.
Einladung zur Einschulung
Trotzdem überwiegen für die Wunsch-Oma die schönen Begegnungen. Eine ihrer Familien zog nach Norddeutschland. Zur Einschulung luden die Eltern Gerlinde ein. Mit einer anderen Familie, die ebenfalls weiter wegzog, hält sie über WhatsApp Kontakt. Zweimal besuchte sie sie am neuen Wohnort. Als die Familie wieder einmal in Stuttgart war, verabredeten sie sich im Planetarium. „Diese Aufgabe macht mir einfach unglaublich viel Freude“, sagt Gerlinde.
Buch statt Display
Wer gerne vorliest, für den eignet sich vielleicht ein anderes schönes Projekt: Vorlese-Omas und Vorlese-Opas besuchen Kitas, Schulen oder Bibliotheken. Dort blättern sie mit Kindern in Bilderbüchern, tragen Geschichten vor und sprechen über das Gelesene. Interessierte können sich beispielsweise bei der Lesewelt Hamburg engagieren. Andere Städte haben ähnliche Angebote. Die Stiftung Lesen listet einige Initiativen auf.
Lesetipp: Wie Sie Einsamkeit im Alter aktiv begegnen können, lesen Sie in unserem Ratgeber Wenn die Stille zu laut wird: Wege aus der Einsamkeit.
