
Tag des Testaments: Endlich handeln!

Warum es Familien zerstören kann, wenn man sich auf die gesetzliche Erbfolge verlässt und kein Testament macht
Das Wichtigste in Kürze:
- Wer nichts regelt, überlässt die Verteilung seines Vermögens der gesetzlichen Erbfolge – und die entspricht nur selten den eigenen Vorstellungen.
- Ohne letzten Willen entsteht bei mehreren Erben eine Erbengemeinschaft, in der jeder jeden blockieren kann.
- Nur etwas mehr als jeder Dritte in der zweiten Lebenshälfte hat seinen Nachlass überhaupt geregelt.
- Unverheiratete Paare gehen leer aus: Lebensgefährten sind gesetzlich nicht erbberechtigt.
- Der Tag des Testaments am 13. September ist der Anlass, das Thema endlich anzugehen.
Im Grunde wollten die Brüder keinen Streit um das Erbe des Alten. Es hätte noch immer gut gehen können. Bis zu dem Tag, an dem Friedrich die Maurer holte. Sie zogen eine „steinerne Gardine", wie der ältere der beiden, Christian Albrecht, das Bauwerk an der Grenze ihrer Grundstücke nannte. Sein Gemüt verdunkelte sich noch stärker als sein Büro, das nun im Schatten der gut drei Meter hohen Wand lag.
„Reden wir deutsch mitsammen", sagte Christian Albrecht. „In jener Sache da draußen auf dem Hof will ich mein Recht und keinen Titel aufgeben!" Er ersann eine List, um Friedrich zu demütigen. Der aber hatte längst einen Anwalt in Stellung gebracht, der „wie ein Trüffelhund nach verborgen liegenden Prozessen" jagte.
Erbstreit begleitet die Menschheitsgeschichte
Die Sprache verrät, dass der Konflikt aus dem 19. Jahrhundert stammt. Aber sonst? Alles wie heute: Den Garten sollte erst Friedrich bekommen, dann wollte der Patriarch den Testamentszusatz dazu von der Mutter zerreißen lassen, sie tat das aber erst nach dem Tod des Gatten, was natürlich nicht rechtens war. Unumstritten schien dagegen, was der Alte über den Garten gesagt hatte: „Die Brüder sollen sich darum vertragen."
So entstehen Kriege. Alles klingt wie aus einem Webinar von Dr. Andreas Lohmeyer, dem mit Afilio verbundenen Notar und Anwalt. Seit Jahren warnt Erbrechtsexperte Lohmeyer: Wer den Familienfrieden über seinen Tod hinaus bewahren will, der muss regeln, was aus seinem Vermögen wird, wenn er tot ist. Und zwar genau. Nicht nur Friedrich und Christian Albrecht aus Theodor Storms Novelle „Die Söhne des Senators" wäre viel erspart geblieben, wenn es ein klares Testament gegeben hätte.
Pauschale Regelungen schaffen Konflikte
Oft zerlegen sich Familien völlig, wenn sie sich plötzlich durch das Fehlen eines Testaments in einer Erbengemeinschaft wiederfinden, in der jeder jeden blockieren kann. Betont, so sagt Lohmeyer, wird das Wort Erbengemeinschaft auf „gemein". Als Hauptschuldigen für Streit und Leid hat er die gesetzliche Erbfolge ausgemacht, die immer dann gilt, wenn der Verstorbene nicht selbst den Nachlass nach seinen Vorstellungen geregelt hat.
In diesen Tagen, am 13. September, ist der Tag des Testaments. Er ist ein Appell, sich endlich zu kümmern. Aber wer beschäftigt sich schon gerne damit, dass er einmal nicht mehr sein wird? Die Deutschen schließen Policen gegen jede Art von Ungemach ab, aber haben mehrheitlich kein Testament. Nach Zahlen des Deutschen Zentrums für Altersfragen hat selbst unter den Menschen in der zweiten Lebenshälfte – die über 46 Jahre alt sind – nur etwas mehr als jeder Dritte seinen Nachlass geregelt. Und das heißt nicht, dass diese Testamente alle wirksam sind oder der letzte Wille mit ihnen auch umgesetzt werden kann. Der aus umfangreichen Daten ermittelte Befund ist zwar schon drei Jahre alt, aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er nicht mehr zutrifft. Wie aus der Studie hervorgeht, haben Verheiratete aus dieser Gruppe gerade mal zu gut 41 Prozent ihren letzten Willen festgehalten. Unter den Unverheirateten mit Partner waren es sogar nur etwas mehr als 27 Prozent – und das bedeutet, dass die Lebensgefährten leer ausgehen.
Jedes Leben ist ein Unikat
Begangen wird der Tag des Testaments vor allem von Hilfsorganisationen, die, wie etwa die evangelischen Landeskirchen und die Diakonie, potentielle Spender darüber informieren, „wie Sie Herzensanliegen über Ihr Leben hinaus unterstützen können". Dazu muss ein Testament her, wie immer, wenn persönliche Wünsche erfüllt werden sollen. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit; geformt in vielen Lebensjahren, angepasst an die jeweiligen Umstände. Da wäre es naiv anzunehmen, diese ließen sich pauschal durch Bestimmungen erfüllen, die im Kern aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 stammen, verkündet im Reichsgesetzblatt vom 18. August 1896.
„Das Risiko, dass aus einer intakten Familie eine sich immer weiter zerstreitende Erbengemeinschaft wird, ist extrem hoch", weiß Experte Lohmeyer. Er kann genau vorhersagen, wann bei seinen Vorträgen ein Raunen durch das Publikum geht. Nämlich dann, wenn er erläutert, wann nach den gesetzlichen Regelungen plötzlich die Schwiegereltern oder die Schwägerinnen, womöglich auch Nichten und Neffen als Mitglieder der Erbengemeinschaft über die Eigentumswohnung der Witwe mitbestimmen. Oder wann vom Gericht ein Ergänzungspfleger für die Kinder bestellt werden muss, da die Sanierung des Dachs eine Grundschuld erfordert. „Bis das durch ist, ist das Dach auch durch", sagt er.
Es geht um mehr als Geld und Gier
Da die amtliche Statistik nur Fälle erfasst, bei denen Steuern anfallen, weiß niemand genau, wie viel Geld in Deutschland verschenkt und vererbt wird. Schätzungen reichen von 200 bis 400 Milliarden Euro pro Jahr. Bei den Summen kann es nicht überraschen, dass ihre Weitergabe Ärger auslöst. Hinzu kommt, dass es um viel mehr geht als um Geld. Es geht um Liebe, Macht, Wertschätzung, Stolz, Rache. Und noch viel mehr.
Bei den Söhnen des Senators spielte die angebliche Bockigkeit des jüngeren Bruders eine große Rolle. Die Erinnerung daran, wie er als Kleinkind mit Sachen geworfen hat, weil er sich nicht fügen wollte. Die materiellen Fragen waren da längst belanglos. Storm hat die Novelle geschrieben, als er schon alt und krank war. Gut möglich, dass das zum versöhnlichen Schluss beigetragen hat. Am Ende feiern die Brüder zusammen ein Gartenfest. Selbst Erbstreitigkeiten, der Erzfeind der Familie, können eben manchmal überwunden werden. Vermieden werden sie am besten durch ein klares und eindeutiges Testament.
Lesetipp: Wie Sie Ihren letzten Willen formvollständig zu Papier bringen, zeigt unsere Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Testament.
