Auf die Ruhe folgt die Kraft

Peter Lennartz
Vom 12.08.2026

Kennen Sie das Gefühl, endlich Zeit für sich zu haben – und trotzdem nicht richtig zur Ruhe zu kommen? Der Kalender ist leerer, doch der Kopf läuft weiter, als hätte ihm niemand Bescheid gesagt, dass jetzt Feierabend ist.

In einem meiner Workshops sagte eine Frau, die über vierzig Jahre im Pflege­dienst gearbeitet hat: „Ich will im Ruhestand erst mal einfach nur runterkommen.“ Keine Bucket List, kein neues Projekt, kein Ehrenamt. Einfach nur: runterkommen. Ein Bekannter, dem jahrzehntelang mehrere Läden gehörten, sagte es noch knapper: „Ich habe keine Pläne. Das wäre das Letzte, was ich brauche.“ Zwei Menschen, zwei Geschichten, derselbe tiefe Impuls: erst einmal durchatmen.

Das ist kein Zeichen von Trägheit, sondern eine kluge Antwort des Körpers. Denn auch die Aktivsten kommen irgendwann an einen Punkt, an dem Körper und Kopf etwas anderes einfordern als das nächste Abenteuer – einen Moment des Innehaltens. Zur Ruhe zu kommen ist Reparaturarbeit. Diese Arbeit muss getan werden, damit Energie, Klarheit und neue Richtung in Ihr Leben zurückkehren können. Ruhe ist also nicht das Ende von Aktivität, sondern sie ist der Anfang von etwas Neuem.

In diesem Beitrag erfahren Sie, warum diese Phase im Ruhestand seine Berechtigung hat, welche Glaubenssätze uns, die Generation Babyboomer, vielleicht daran hindern, Ruhe wirklich zuzulassen. Und Sie erfahren, wie Sie Ihren ganz eigenen Weg zu echter Erholung finden können. Mit dem Lotsen für Ruhe & Regeneration finden Sie anschließend heraus, welcher Weg das für Sie persönlich ist.

Verstehen: Warum die Ruhephase so wichtig ist

Über Jahrzehnte hat der Beruf unser Leben strukturiert: den Tagesablauf, das soziale Leben, die Identität. Bei einigen mehr, bei anderen weniger. Mit dem Ruhestand fällt das alles weg, mal schneller, mal langsamer. Was viele unterschätzen: Ein neuer Alltag entsteht nicht von selbst, er will bewusst gestaltet werden. „Runterkommen“ ist dabei für viele der erste, notwendige Schritt, der nötig ist, bevor neue Projekte und Pläne überhaupt sinnvoll werden.

Dahinter steckt mehr als ein Gefühl. Über Jahre – teilweise über 50 Jahre – hat unser Nervensystem im Anspannungsmodus gearbeitet. Wir waren leistungsbereit, reaktionsschnell, auf Belastung und auf Leistung eingestellt. Mit dem Ruhestand entfällt der äußere Taktgeber. Doch das Nervensystem schaltet aus dem Leistungs- und Arbeitsmodus nicht einfach um. Ich kenne viele Menschen, die auch im Ruhestand nicht ohne ihre alte To-do Liste aus dem Beruf auskommen und die abends sehen wollen, was sie alles am Tag geschafft, was sie geleistet haben.

Es braucht also Zeit, um in den anderen Modus zu wechseln. Dieser Prozess kann Wochen oder Monate dauern. Der Schlaf verändert sich, die Energie schwankt, der Körper holt nach, was lange zu kurz kam. Eine Studie der Universität Zürich zeigt, dass Lebensqualität und Wohlbefinden direkt nach dem Renteneintritt zunächst sogar sinken können. Und erst bei aktiver Gestaltung wieder steigen.

Diese Umstellung verdient Ihre Aufmerksamkeit. Die ersten Monate nach dem Renteneintritt sind für manche Menschen eine sensible Phase. Drei Empfehlungen können helfen:

  • Gehen Sie rund um den Renteneintritt einmal bewusst zum Arzt. Nicht weil etwas mit Ihnen nicht stimmt, sondern als Check-in mit Ihrem Körper.
  • Gestalten Sie den Übergang nicht zu abrupt. Wer vierzig oder mehr Jahre im Vollsprint war, sollte nicht von heute auf morgen auf null schalten. Sportler nennen diese Phase das „Abtrainieren“.
  • Nehmen Sie körperliche Signale ernst. Der Wunsch nach Rückzug, nach Stille, nach Regeneration ist nicht nur psychologisch sinnvoll – er ist auch biologisch klug.

Erlauben: Warum Ruhe kein schlechtes Gewissen braucht

Zwischen „Ich weiß, dass ich jetzt Ruhe brauche“ und „Ich erlaube mir Ruhe“ liegt oft ein ganzes Leben voller Glaubenssätze. Die Generation, die heute in den Ruhestand geht, wuchs in einer Gesellschaft auf, in der Arbeit nicht nur Mittel zum Zweck war, sondern Identität, Wert und Würde. Sätze wie „Wer rastet, der rostet“ oder „Ohne Fleiß keinen Preis“ haben sich tief eingeprägt. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel.

Diese Sätze sind keine persönliche Schwäche, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Prägung. Die gute Nachricht: Wir können sie als solche erkennen und feststellen, dass sie nicht in jeder Lebensphase wahr sein müssen. Die Psychologin Carol Dweck hat gezeigt, dass Menschen in jedem Alter Überzeugungen hinterfragen und neue Denkmuster entwickeln können. Auch der innere Kritiker, der bei jeder Ruhepause flüstert „Du solltest doch eigentlich …“, kann leiser werden, wenn man ihm bewusst begegnet.

Sich Ruhe zu erlauben ist dabei eine aktive Leistung. Wer jahrzehntelang gelernt hat, produktiv zu sein, muss üben, Stille und Langeweile zuzulassen. Wenn wir aufhören, uns abzulenken, wird im Gehirn ein Netzwerk aktiv, das Fachleute das Default Mode Network nennen. In diesem scheinbaren Nichtstun ordnen sich Gedanken, verknüpfen sich Erfahrungen, entstehen neue Ideen. Klarheit und Kreativität entstehen nicht trotz der Ruhe – sie entstehen oft erst durch sie. Ruhe darf also ein fester Bestandteil Ihres neuen Lebens werden: nicht als Pause zwischen Aktivitäten, sondern als Aktivität in sich selbst.

Wie kommen Sie am besten zur Ruhe?

Der Lotse für Ruhe & Regeneration hilft Ihnen herauszufinden, auf welchem Weg Erholung bei Ihnen am ehesten beginnt – über den Körper, die Stille, die Natur oder das Wohlgefühl.

  • Sechs einfache Fragen
  • Kurze Auswertung
  • Konkrete Anregungen als Ausgangspunkt für Sie

Gestalten: Wie Sie Ihren eigenen Weg zur Ruhe finden

Verstehen und Erlauben sind wichtige Schritte. Irgendwann aber stellt sich die praktische Frage: Wie komme ich konkret zur Ruhe – und zwar auf eine Art, die zu mir passt? Denn echte Erholung ist nicht für alle dasselbe. Was dem einen Energie gibt, zum Beispiel ein langer, stiller Waldspaziergang, kann der anderen wie verlorene Zeit vorkommen. Es geht nicht um die eine richtige Methode, sondern um die, die zu Ihnen passt.

Das Problem: Viele Menschen wissen nach Jahrzehnten im Beruf gar nicht mehr genau, was ihnen wirklich guttut. Die eigenen Bedürfnisse wurden so lange hintangestellt, dass sie sich kaum noch melden. Drei Wege können dabei helfen, das wieder zu lernen.

  • Schauen Sie zurück auf Momente, in denen Sie wirklich bei sich waren. Nicht produktiv, sondern einfach da; solche Momente sind keine Nostalgie, sondern Hinweise.
  • Probieren Sie aus, ohne Erwartung, und achten Sie weniger darauf, ob etwas beeindruckend klingt, als darauf, ob Sie danach bei sich sind oder weiter weg.
  • Nehmen Sie die stillen Fragen ernst: Was hat mir früher Kraft gegeben? Was darf in meinem Leben langsamer werden? Was möchte jetzt wachsen – ganz ohne äußeren Druck?

Manchmal führt der Weg zur Ruhe über die Bewegung, manchmal über die Stille, manchmal über Wärme und Wohlgefühl und manchmal über etwas ganz Unerwartetes. In meinen Workshops kommen auf die Frage „Wobei können Sie am besten abschalten?“ selten die Antworten aus den Ratgebern. Es kommt: Holz hacken. Marmelade kochen. Häkeln. Busfahren. Und das ist eine schöne Erkenntnis. Denn Abschalten muss nicht nach Entspannung aussehen. Was Sie wirklich erholen lässt, weiß am Ende nur eine oder einer: Sie selbst.

Genau hier setzt der Lotse für Ruhe & Regeneration an. Er hilft Ihnen, mit wenigen Fragen herauszufinden, auf welchem dieser Wege Erholung bei Ihnen am ehesten beginnt und was sich lohnt, als Erstes auszuprobieren. Die wichtigste Frage lautet danach nämlich nicht „Was sollte ich tun?“, sondern „Was möchte ich einmal in Ruhe ausprobieren?“

Annehmen: Ruhe ist keine Faulheit

Vielleicht haben Sie beim Lesen an der einen oder anderen Stelle genickt. Das ist bereits ein wichtiger Schritt. Sie müssen jetzt keinen großen Plan schmieden. Es reicht, sich eine kleine, ruhige Gewohnheit zu schenken und zu beobachten, wie sie sich anfühlt. Klarheit entsteht nicht durch große Entscheidungen, sondern durch kleine Bewegungen in die richtige Richtung.

Der Naturforscher John Lubbock hat es schon 1894 schön gesagt:

„Ruhe ist keine Faulheit. Und manchmal auf dem Gras unter Bäumen zu liegen, dem Murmeln des Wassers zu lauschen oder den Wolken beim Ziehen zuzusehen, ist wahrlich keine Zeitverschwendung.“

Und genau das haben Sie sich nach einem langen Berufsleben mehr als verdient. In der echten Ruhe beginnt oft das neue Aufblühen.

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