Die Zukunft kann kommen. Wie ein alter Herr die Künstliche Intelligenz für sich entdeckt

Christine Frischke
Vom 20.10.2026

Mit fast 80 Jahren hat Wolfgang Doster eine neue Begleiterin an seiner Seite – die Künstliche Intelligenz. Sie fährt mit ihm Auto, berät ihn als Inneneinrichterin und verhalf ihm zu einem Treffen mit Albert Einstein. An KI-Lernorten teilt er sein Wissen mit anderen.

„Ich habe mich natürlich mit KI über Ihre Person erkundigt“, sagt der 78-Jährige gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist ein fester Bestandteil seines Lebens. Auch im Auto fährt sie immer mit.

Zum einen nutzt Doster wie die meisten ein Navigationssystem, in seinem Fall Google Maps. Um trotz Staus und Unfällen die optimale Route zu finden, wertet das System jede Menge Echtzeitdaten aus. Doch Doster lässt Google Maps zusätzlich Fremdenführer spielen. Entdeckt er unterwegs eine alte Burg, fragt er laut und deutlich: Was ist das für ein Bauwerk? Die KI antwortet. Oder er lässt sich die Sehenswürdigkeiten des nächsten Ortes aufzählen.

Technikbegeistert war Wolfgang Doster schon immer. Sein Vater war Elektromeister, er selbst arbeitete bis zur Rente als Informatiker. Im Grunde hat Doster nur darauf gewartet, dass Maschinen auf Befehl Texte schreiben, Bilder erzeugen oder menschenähnliche Gespräche führen können. Ihn fasziniert, was viele andere in seinem Alter abschreckt oder einschüchtert.

Der KI-Chatbot hilft sogar bei der Einrichtung

An diesem Morgen hat er mit dem KI-Chatbot ChatGPT eine Menükarte für das Bürger-Café erstellt, in dem er sich engagiert. Auf Französisch, weil sie Besuch aus der französischen Partnerstadt erwarten. „Ich musste ein paar Mal nachjustieren, bis alles gepasst hat“, sagt er. Jetzt sind auf der Karte sowohl das Logo des Cafés als auch das Rathaus der Partnerstadt zu sehen.

Illustrierte französische Getränkekarte mit Kaffeetassen, Bürger-Café und historischem Rathaus
Mit ChatGPT gestaltet: die französische Getränkekarte für das Bürger-Café, im Hintergrund das Rathaus der Partnerstadt.

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Auch bei der Wohnungseinrichtung half ihm die KI. Als seine Frau und er neue Esszimmerstühle kauften, waren sie unschlüssig, welches Polster sie wählen sollten. Doster fotografierte den Essplatz, die Stühle und die Polstermuster. „Dann ließ ich die KI Bilder erstellen, die unseren Tisch mit den neuen Stühlen und verschiedenen Polstern zeigen“, erzählt er. So fiel dem Ehepaar die Entscheidung am Ende leicht.

Außerdem unterstützt ihn die KI beim Ausfüllen von Behördenanträgen, beim Vergleichen von Handwerker-Angeboten oder beim Verstehen von Beipackzetteln.

Von Offliner bis Silver Geek

Für Doster ist die KI ein großes Geschenk. Er überlässt das Experimentieren nicht den Jungen. Man könnte ihn als „Silver Geek“ bezeichnen, als technikbegeisterten Senior. Der Begriff stammt aus einer Studie der Körber-Stiftung, die untersucht hat, wie sehr ältere Menschen sich am digitalen Wandel beteiligen.

Laut der Studie zählen 17 Prozent der über 50-Jährigen zu den „Silver Geeks“. Sie glauben, dass technologische Fortschritte das Leben erleichtern. Ihnen stehen 14 Prozent Offliner gegenüber, die Technik wie Internet, Computer oder Handys skeptisch sehen. Die Mehrheit der älteren Bevölkerung bewegt sich zwischen diesen beiden Polen.

KI-generiertes Porträt eines älteren Mannes am Schreibtisch mit Laptop und Schriftzug „Silver Geek“
Der Begriff „Silver Geek“ gefiel Wolfgang Doster so gut, dass er die KI ein entsprechendes Bild von sich erzeugen ließ.

Dass KI alle Generationen betrifft, betont auch Alexander Engel. Er ist Projektleiter des Kompetenznetzwerks KI & Alter, das von der BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen initiiert wurde und von der Bundesregierung gefördert wird. Das Netzwerk bringt Akteure aus Bildung, Praxis, Forschung, Entwicklung und Wirtschaft zusammen. Das Ziel sind alltagsnahe KI-Anwendungen, die älteren Menschen einen sicheren und selbstbestimmten Umgang mit der Technologie ermöglichen.

KI-Anwendungen durchdringen längst den Alltag

„Künstliche Intelligenz umfasst alle Anwendungen und Technologien, die etwas tun, was wir Menschen als intelligent empfinden“, erklärt Engel. Wichtig dabei ist: „Sie ist nicht wirklich intelligent, sondern funktioniert nach Wahrscheinlichkeiten.“

Entkommen können Menschen der KI im Alltag kaum noch. Intelligente Algorithmen beeinflussen, was wir in sozialen Medien lesen oder welche Produkte uns Online-Shops vorschlagen. Wir tragen die KI in Smartphones, Smartwatches und Fitnessarmbändern mit uns herum. Intelligente Saugroboter halten unsere Wohnungen sauber.

Lernorte bringen Älteren die KI-Werkzeuge näher

Das Kompetenznetzwerk unterstützt über 60 Lernorte in Deutschland, die älteren Menschen technische Entwicklungen näherbringen. Eine Landkarte auf der Webseite zeigt, wo sie zu finden sind. Die Angebote reichen von Smartphone-Sprechstunden über Vorträge zu KI-Werkzeugen wie ChatGPT bis hin zu Workshops mit Fensterputzrobotern.

Wolfgang Doster engagiert sich in seiner Heimat ebenfalls in einem solchen Lernort. Im Familienzentrum Dornstadt in Baden-Württemberg organisiert er Vorträge und Seminare. Mal werden KI-Tools vorgestellt, mal geht es um Video- und Bilderzeugung. Auch Risiken und Fehlerquellen werden angesprochen.

„Datenschutz und Datensicherheit gehören zu den Top-Themen, die ältere Menschen bewegen“, sagt Alexander Engel vom Kompetenznetzwerk. Auch Desinformationen, Fake News, werden immer wieder diskutiert.

Risiken kennen, Ängste abbauen

Zeichnet der Sprachassistent in der Wohnung heimlich Gespräche auf? Nutzen KI-Firmen meine Daten für Trainingszwecke? Solche Sorgen halten Engel zufolge viele davon ab, neue Technologien auszuprobieren. Aufgabe der Lernorte sei es, auf Risiken hinzuweisen, aber eben auch Ängste abzubauen. „Ziel ist es, dass Menschen lernen, ihr Risiko selbst einzuschätzen“, sagt Engel.

„Wichtig ist, die Scheu zu verlieren“, weiß „Silver Geek“ Doster aus Erfahrung. In seinen Workshops lässt er die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Einladungskarten mit KI gestalten oder Fotos erzeugen. Er selbst präsentiert gerne ein Bild, das ihn in einer Umarmung mit Albert Einstein zeigt. Zuletzt hat der Senior sogar ein kleines Preisgeld ausgeschrieben. Seine Teilnehmer sollten mithilfe der KI ein herbstliches Fünf-Gänge-Menü zusammenstellen, inklusive einer Menükarte. Den Gewinner ließ er – natürlich – von der KI ermitteln.

KI-generiertes Gemälde: Wolfgang Doster und Albert Einstein umarmen sich vor einer Tafel mit Formeln
Ein Treffen, das es nie gab: Mit KI ließ sich Wolfgang Doster in einer Umarmung mit Albert Einstein darstellen.

Tipps für den Einstieg

  • Einfach mal ausprobieren: Chatbots wie ChatGPT sind in den Basisversionen meist kostenlos. Über die Webseite Duck.ai lassen sich verschiedene KI-Modelle anonym testen. Dort werden Chats nicht dauerhaft gespeichert oder für Trainingszwecke genutzt.
  • Wolfgang Doster hat sich Übungen für solche Chatbots überlegt. Drei Beispiele:
    • Ein Märchen oder Abenteuer für die Enkel schreiben lassen.
    • Ein Geburtstagsgedicht formulieren lassen.
    • Ein Rezept aus den Resten im Kühlschrank vorschlagen lassen.
  • Die Broschüre „Künstliche Intelligenz sicher nutzen“ des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik listet elf Handlungsempfehlungen für den Umgang mit KI auf. Sie rät unter anderem dazu, keine sensiblen Daten wie die Postadresse oder Passwörter in den Anwendungen zu teilen.
  • Einen guten Einstieg in das Thema bietet auch der Ratgeber „Künstliche Intelligenz im Alltag älterer Menschen“ der BAGSO. Er ist digital abrufbar oder kann kostenfrei als Print-Ausgabe bestellt werden.
  • Mit der App „Flora Incognita“ der TU Ilmenau kann man bei einem Spaziergang die Pflanzen am Wegesrand bestimmen.
  • Die App „BirdNet“ der TU Chemnitz erkennt Vogelstimmen.

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Lesetipp: Was Künstliche Intelligenz in der Pflege leisten kann, lesen Sie in unserem Artikel Wie Künstliche Intelligenz die Pflege verändert.

Christine Frischke

Christine Frischke ist freie Journalistin und lebt in Süddeutschland. Sie arbeitet u. a. für ZEIT Online, Marie Claire, Dein Spiegel und den SWR. Ihr Schwerpunkt sind Geschichten, die nah am Menschen sind: Sozialreportagen, Familien- und Kinderthemen, prägnante Porträts und Interviews mit Tiefe. Durchatmen kann sie am besten bei einem Waldspaziergang oder auf einem Hof im Schwarzwald.

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