Wenn Thomas Mann es richtig krachen lässt …

Stefan Schmitz
Vom 04.11.2026

Kein Smartphone, kein Videocall: In Lübeck tauschen sich Literaturbegeisterte über ihre Lektüre aus. So wie viele Zehntausende im ganzen Land.

Die alte Dame, dem Tod geweiht, stöhnte und flehte: „Was zu schlafen! … Meine Herren, aus Barmherzigkeit! was zu schlafen …!“ Doch die Ärzte erlösten sie nicht. Sie taten alles, um „das Leben um jeden Preis zu konservieren“. Es wurde eine furchtbare Nacht, bis früh am Morgen über das Gesicht der greisen Konsulin eine „jähe, entsetzte Freude“ huschte und sie verschied.

125 Jahre ist es her, dass Thomas Manns großer Gesellschaftsroman „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ erschienen ist, aus dem die Szene stammt. Am Tag des Jubiläums rücken im Herzen von Lübeck knapp zwei Dutzend Menschen Stühle in einen Kreis, um miteinander zu sprechen – über das Buch, über Thomas Mann, aber auch darüber, was der Text ihnen bedeutet und wie aktuell er eigentlich ist. Eine Stunde lang wird niemand ein Smartphone anrühren, nirgendwo klingelt es. Manchmal rascheln ein paar Buchseiten in diesem eher funktionalen Nebenraum des Museumsshops „Buddenbrooks am Markt“.

So wie die Lübecker Thomas-Mann-Fans treffen sich überall im Land Menschen, um über Literatur zu sprechen. Eine Nischenerscheinung ist das gemeinsame Lesen längst nicht mehr. Auch wenn niemand genau weiß, wie viele Lesekreise es in Deutschland gibt, steht fest: Es sind sehr viele. Schätzungen reichen von 30.000 bis 70.000.

In Thomas Manns Heimatstadt wird jeden zweiten Dienstag im Monat ein Teil des monumentalen Werks besprochen. Durch die Runde führt die Chefin des Buddenbrookhauses, Caren Heuer. Sie kennt sich nicht nur aus, sondern lässt auch zu, dass die Teilnehmerinnen und die wenigen Teilnehmer Spaß haben. Etwa wenn eine Frau versucht, die standesbewusste Kopfhaltung nachzumachen, die im Buch beschrieben wird: Kinn auf die Brust, Kopf in den Nacken.

„Gut, dass wir heute eine Patienten­verfügung haben“, sagt eine Frau über das mit Liebe zum Detail geschilderte Sterben von Elisabeth „Bethsy“ Buddenbrook, der Konsulin. Eine andere, mit rotem Haar, feiert Bethsys unangepassten Sohn Christian: „Er bricht aus, er lehnt sich auf. Das ist auch eine Kraft.“ Oder ist doch Christians ungleicher Bruder Thomas sympathischer, wie eine sorgfältig frisierte Diskutantin meint? Für einen Herrn mit markanter Brille steht fest: „Es ist eine Einladung, darüber nachzudenken, was Stärke bedeutet.“

Es geht hin und her, stets freundlich und zugewandt. Alle im Raum genießen es, zusammen zu sein und über das Werk und seinen Schöpfer zu sprechen. Thomas Mann, den seine Familie den „Zauberer“ nannte, schaut von den Fotos an der Wand zu. In der Ecke steht gar ein lebensgroßes Pappbildnis des Nobelpreisträgers.

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Anke Barusic lächelt vor einem lebensgroßen Pappaufsteller von Thomas Mann
Anke Barusic vor dem Pappbildnis von Thomas Mann (Foto: Stefan Schmitz)

Die Teilnehmer halten ihre von intensiver Lektüre gezeichneten Bücher in der Hand, einige in alten Ausgaben, so wie Anke Barusic, die vor über 35 Jahren vorne in ihr Exemplar geschrieben hat: „Ein seltsames Buch!“ Nach der Veranstaltung schlendert die 64-Jährige durch die Lübecker Innenstadt zur Königstraße, wo Hans Wißkirchen, Präsident der Thomas-Mann-Gesellschaft, einen Vortrag hält und sein neues Buch vorstellt. Die Kranken­schwester liest viel, anspruchsvolle Sachen, aber auch Krimis, Agatha Christie findet sie toll. Wichtig ist ihr, unter Leute zu kommen und sich mit anderen auszutauschen. „Es macht immer Spaß, diese Menschen zu treffen“, sagt sie über die Runde. „Auch die Kontroversen finde ich super.“

Handschriftlicher Eintrag „Ein seltsames Buch!“ von Anke Barusic, datiert Mai 1991
„Ein seltsames Buch!“: Anke Barusics Eintrag in ihrer Ausgabe von 1991 (Foto: Stefan Schmitz)

In zwei Jahren geht sie in Rente. Darauf bereitet sie sich jetzt schon vor, indem sie neue Kontakte knüpft und sich Tätigkeiten sucht, die ihr Sinn geben und anderen helfen. So kümmert sie sich etwa um einen Jungen aus Afghanistan, mit dem sie einmal in der Woche etwas unternimmt.

Anke Barusic hält lachend eine abgegriffene Taschenbuchausgabe der Buddenbrooks vor einem schmiedeeisernen Treppengeländer
Anke Barusic mit ihrer alten Buddenbrooks-Ausgabe (Foto: Stefan Schmitz)

Der Verfall der Familie Buddenbrook ist in der Lektüre des Kreises weit fortgeschritten. Noch vor Weihnachten werden die Figuren am Ende des Romans von Tod, Ruin und Psychiatrie eingeholt werden. Aber die gemeinsame Freude an Literatur ist damit nicht vorbei. Im nächsten Jahr werden sie ein anderes Buch lesen. Dr. Heuer lässt sich dazu überreden, schon zu verraten, welches es ist. Kontrovers wird es damit sicher bleiben. Und eingeladen ist jeder, der lesen und diskutieren möchte.

Lesezirkel in jeder Stadt

Im Internet geben Seiten wie mein-literaturkreis.de einen Eindruck von der Szene. Dort finden sich auch Tipps, wie man passende Kreise in der Umgebung entdeckt. Anlaufstellen hierfür sind zum Beispiel Bibliotheken, Buchhandlungen und Volkshochschulen. Oder man gründet selbst einen Kreis, der sich privat trifft – eine wunderbare Gelegenheit, neue Leute kennenzulernen.

Stefan Schmitz

Stefan Schmitz, 61, hat viele Jahre für große Magazine als Politik- und Wirtschaftsjournalist gearbeitet. Jetzt schreibt und redigiert er für den Afilio-Ratgeber und steht uns mit seiner Expertise beratend zur Seite.

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