
„Ich gehe da jetzt raus“

Der 85-jährige Leichtathlet Reiner Görtz erkämpfte sich in Südkorea Gold und Silber bei den Weltmeisterschaften in seiner Altersklasse. Zurück in Deutschland spricht er über den Weg zum Erfolg und einen Schwächeanfall.
Reiner Görtz könnte seiner Sportleidenschaft vor dem Fernseher nachgehen oder auch mal beim Senioren-Lauftreff vorbeischauen. Der 85-Jährige hat es vorgezogen, im August nach Südkorea zu fliegen, um an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften für Altersathleten teilzunehmen. In den Wurfdisziplinen ist er noch richtig gut, das reicht ihm aber nicht. Er trat zum Zehnkampf an. „Beim Stabhochsprung“, erzählt Görtz, „wurde mir schummrig. Drei Höhen bin ich noch gesprungen.“ Als er wieder klar gucken konnte, lag er in den Katakomben des Stadions von Daegu.
Erfahrung und Siegeswillen
Ein Arzt wollte ihm eine Infusion legen, überall kühlten Eispacks seinen Körper. Es war heiß und schwül. Görtz wollte zurück zum Wettkampf. „Ich sage dem Arzt: Ich gehe da jetzt auf eigene Verantwortung raus.“ Er schnappte sich den Speer. „Eine lächerliche Weite, im Training werfe ich mehr.“ Dann kam der abschließende 1500-Meter-Lauf. Görtz schaffte es zum Start, wankte nach vorne und brach nach einer Runde ab. „Ich wollte meine Gesundheit nicht gefährden: Und um gewertet zu werden, reicht es, wenn man startet.“ Zwei Medaillen hängen an diesem Septembertag in Viersen am Niederrhein um seinen Hals. Eine silberne bekam er mit 2322 Punkten als Zweitplatzierter im Zehnkampf. Später noch eine goldene im Stabhochsprung. „Das war auch so eine Geschichte“, sagt er.

Teil einer Gemeinschaft
Aber Görtz kommt kaum dazu, sie zu erzählen. Auf dem Gelände des ASV Süchteln klopft ihm dauernd jemand auf die Schulter. Alle beglückwünschen ihn zu seinen Erfolgen im fernen Korea. „Ich habe hier 25 Jahre die Fußballjugend trainiert“, sagt er. „Die kennen mich alle.“ Mit 53 sei er noch schneller gesprintet als die A-Jugendlichen. Ein paar seiner Schützlinge hätten es weit gebracht im Fußball. Einer habe bei Borussia Mönchengladbach mit Stefan Effenberg gespielt und sei heute Trainer im Profifußball. „Wenn der mich anruft, sage ich ihm: Sei ehrlich und gradlinig, wie ich es dir beigebracht habe.“
Man muss sich Reiner Görtz als einen glücklichen Mann vorstellen. Beneidenswert fit, stolz auf seine Erfolge als Altersathlet, bestens eingebunden in eine feste Gemeinschaft. 88 Kilogramm verteilen sich auf 1,76 Meter. „Eigentlich etwas viel, aber ich bin sehr muskulös.“ Morgens fährt er mit seinem Rad oft im Café Piano in Süchteln vorbei. Dort erzählt er dann von Wettkämpfen in Australien, von Flügen nach Tahiti, von Erfolgen mit Schmerzen, bei denen ihm das Publikum zujubelte. „Die haben ja gesehen, dass ich in den Pausen zwischen den Würfen immer im Kreis gehen musste, damit das Bein durchblutet bleibt.“
Ein Kind der Nachkriegszeit
Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst war noch nie sein Ding. Der kräftige Mann wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber er ist ganz bei sich; ein zufriedenes Kind der Nachkriegszeit. Aufgewachsen in Armut, der Vater starb, als er 14 war. Sein Faible für hohe Sprünge, so sagt er, habe auch damit zu tun, dass die Süßkirschen des Nachbarn hinter einer hohen Mauer standen. „Wir hatten ja nichts zu essen.“ Er war einer, der sich besonders anstrengen musste, um an die süßen Früchte des Lebens zu kommen. „Ich habe bekloppte Sachen gemacht“, berichtet er. Tauchunfälle in über 70 Meter Tiefe hat er überstanden und am anderen Ende der Welt als Kameramann Buckelwale beim Kalben gedreht. Reiner Görtz, 85, scheint der beste Beweis dafür, dass den nächsten Tag am sichersten überlebt, wer im Bett bleibt – und die nächsten Jahrzehnte, wer sich aufmacht in die Welt.
Späte Rückkehr zum Leistungssport
Bei der Bundeswehr verdiente er sich als Wehrpflichtiger immer wieder Sonderurlaub für erste Plätze bei Leichtathletikwettkämpfen. Und als er eher durch Zufall bei den Westdeutschen Jugendmeisterschaften 1961 antrat, landete er auch da ziemlich weit vorne. Aber ein Sturz beim Stabhochsprung im Regen beendete seine aktive Karriere für sehr lange Zeit. Als er 60 Jahre alt war, spürte er die Arthrose im Knie und schleppte 94 Kilo mit sich herum. „Ich wurde immer stabiler, es musste was passieren“, sagt er. Also griff er wieder zu Diskus und Speer, zog sich die Spikes an und rannte über die Tartanbahn. Er war 69 bei seinem ersten Zehnkampf. Mit 75 überquerte er auf dem Rad die Pyrenäen.
Görtz mag es nicht, wenn man danach fragt, wie groß denn die Konkurrenz in seinem Alter noch sei. Ihm ist egal, ob noch sieben andere Athleten an den Start gehen oder auch nur drei oder vier. „Mir geht es um meine Leistung.“ Die reicht noch immer, um auf dem Rad frechen E-Bikern ihre Grenzen aufzuzeigen. Einer wollte sich mal an ihm an der Steigung zwischen Süchteln und Dülken vorbeidrängen. „Mach Platz“, habe der Typ gesagt. Aber nicht mit Reiner Görtz: „Da habe ich Gas gegeben.“ Für ihn ist ein Rad mit Elektromotor nichts. Die Frage danach beantwortet er mit dröhnendem Lachen.
Ein Rekord wird bleiben
Natürlich funktioniert der Körper mit 85 Jahren nicht mehr so wie ein paar Jahrzehnte zuvor. Seit einer Thrombose muss Görtz einen Blutverdünner nehmen. Irgendwann wird er zumindest mit dem Wettkampfsport aufhören müssen. Aber es ist nicht so, dass nichts von ihm bleiben wird. Einen Rekord, auch wenn es kein offizieller ist, kann ihm niemand mehr nehmen. Görtz grinst, als ob er gleich wieder ein paar Süßkirschen klauen wird, als er davon erzählt. „Ich habe ihn mit dem 800-Gramm-Speer geworfen – aber in der Altersklasse wird jetzt ein leichterer Speer verwendet. Das ist für die Ewigkeit.“

Fit im Alter: Die Tipps des greisen Weltmeisters
- Krafttraining gegen den Muskelabbau. Görtz trainiert mit 40 Kilogramm schweren Langhanteln. Das ist ziemlich extrem. Aber Übungen mit leichten Gewichten halten die Muskulatur leistungsfähig. Gerade mit zunehmendem Alter werden sie immer wichtiger.
- Stabilitätsübungen stärken den Körper auf vielfache Weise. Sie beugen Verletzungen vor, verbessern die Koordination und tragen zu einer aufrechten Körperhaltung bei. „Ein paar Minuten am Tag machen schon einen Unterschied“, sagt Görtz.
- Bewegung im Alltag ist der einfachste Weg, seinen Körper in Schwung zu halten. Görtz legt fast alle Wege bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zurück – und stärkt so Herz, Kreislauf und Muskeln.
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