Chefarzt berichtet: Was in vielen Patienten­verfügungen fehlt

Afilio
Vom 12.08.2026

Viele Menschen glauben, ihre Patienten­verfügung sei vollständig. Im Ernstfall fehlt aber oft genau der Teil, der darüber entscheidet, ob eine lebensverlängernde Behandlung gewünscht ist, oder ob ein Sterben zugelassen werden soll: Ihre persönlichen Wertvorstellungen.

Wertvorstellungen sind ein Grundbaustein Ihrer Patienten­verfügung. Dort beschreiben Sie, was Ihnen im Leben wichtig ist – etwa Selbstständigkeit, Schmerzfreiheit oder Nähe zu Familie und Freunden.

Sie sind der Schlüssel, um den mutmaßlichen Willen in bestimmten Situationen zu verstehen, besonders dann, wenn nicht alles eindeutig ist.

Wir haben mit Chefarzt Dr. Tim Kleffner gesprochen: Warum Wertvorstellungen so wichtig sind, wo sie in der Praxis den Unterschied machen und wie man sie klug formuliert.

Afilio: Warum sind Wertvorstellungen in einer Patienten­verfügung generell sinnvoll?

Dr. Tim Kleffner: Patienten­verfügungen arbeiten oft mit Ankreuzfeldern und Textbausteinen. In der Realität gibt es aber viele Grauzonen. Wertvorstellungen zeigen, was dem Patienten im Leben wirklich wichtig war und helfen uns, auch in unklaren Situationen im Sinne dieser Person zu entscheiden.

Afilio: In welchen Situationen sind sie besonders wichtig?

Dr. Tim Kleffner: Vor allem dann, wenn die betroffene Person ihre Wünsche und Wertvorstellungen nicht mehr oder nicht ausreichend kommunizieren kann - etwa nach schwerem Hirnschaden oder bei fortgeschrittener Demenz.

Steht in den Wertvorstellungen zum Beispiel, dass jemand ein kämpferischer Typ ist oder auf persönliche Begegnungen großen Wert legt, können wir Entscheidungen anders einordnen.

Relevanz kann außerdem die Abgrenzung zwischen vorübergehender Hilfe (z. B. kurzzeitige Beatmung oder Dialyse) und dauerhafter Lebenserhaltung haben.

Afilio: Gibt es häufige Fehler beim Formulieren?

Dr. Tim Kleffner: Ich würde eher von Hürden sprechen: Häufig fehlen Wertvorstellungen ganz, oder sie sind zu vage. Formeln wie “würdevoll sterben” helfen uns nicht, wenn nicht klar ist, was das konkret bedeutet.

Ein Thema sind auch Widersprüche, etwa wenn “alle medizinisch möglichen Maßnahmen” gewünscht sind, aber gleichzeitig bestimmte Maßnahmen ausgeschlossen werden.

Wichtig ist, die Werte verständlich zu beschreiben, was für einen persönlich ein gutes Leben ausmacht: soziale Kontakte, Selbstständigkeit, Schmerzfreiheit, Spiritualität – und wo persönliche rote Linien liegen.

Afilio: Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis nennen?

Dr. Tim Kleffner: Ein sehr häufiges Szenario sind Familienkonflikte. Die Tochter sagt: “Mama wollte immer alles versuchen.” Der Sohn sagt: “Nein, sie wollte keinen langen Leidensweg.”

Wenn in den Wertvorstellungen steht: “Ich möchte für meine Kinder da sein, selbst wenn ich Unterstützung brauche,” oder umgekehrt: “Ich will niemandem zur Last fallen”, dann wissen wir, woran wir die Entscheidung messen. Diese Priorität gibt den Ausschlag, wenn die reinen Ankreuzfelder keine eindeutige Antwort liefern.

Ein zweites Beispiel zeigt die Kraft klarer Prioritäten: Eine jüngere Patientin mit Herzinfarkt hatte zugleich eine Augenerkrankung. Die empfohlene Behandlung hätte ihr Herz geschützt, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Erblindung geführt.

Für sie war Sehen das Wichtigste. Sie hatte das vorher so benannt und im Gespräch eindeutig bestätigt. Also lehnte sie die Behandlung ab, wohlwissend, dass das gesundheitliche Risiken birgt.

Das war eine schwere, sehr reflektierte Entscheidung, die wir respektiert haben. Diese war nur möglich, weil ihre Wertvorstellung nicht abstrakt war, sondern konkret: “Lieber mit Einschränkungen leben, solange ich sehen kann.”

Genau solche Klarheit hilft den rechtlichen Stellvertretern und uns, den Patientenwillen sicher umzusetzen.

beratung arztin

Konkrete Formulierungsbeispiele vom Experten

Nutzen Sie klare, alltagsnahe Sätze – vermeiden Sie leere Schlagwörter, Floskeln oder fachliche Sprache. Sie sind selbst Experte dafür, was ein gutes Leben für Sie bedeutet.

  • „Mir ist wichtig, persönlich mit Familie und Freundeskreis zu sprechen und zu lachen; wenn das dauerhaft nicht mehr möglich ist, möchte ich keine lebenserhaltenden Maßnahmen.“
  • „Selbstständigkeit ist mir sehr wichtig. Vorübergehende Hilfe (z. B. Reha, vorübergehende Beatmung) akzeptiere ich, wenn gute Chancen bestehen, meinen vorigen Zustand wieder zu erreichen.“
  • „Ich möchte keine anhaltenden starken Schmerzen. Maßnahmen, die nur mein derzeitiges Leiden verlängern, lehne ich ab.“
  • „Wenn Entscheidungen unklar sind, soll meine bevollmächtigte Person X nach diesen Wertvorstellungen entscheiden.“

Prüfen Sie: Habe ich beschrieben, was mir konkret wichtig ist? Habe ich Widersprüche vermieden? Ist klar, was vorübergehend sein darf?

Wertvorstellungen formulieren – jetzt ganz einfach

Weil Wertvorstellungen so wichtig, aber sehr schwer zu formulieren sind, gibt es bei Afilio ab jetzt den neuen Wertvorstellungs-Generator.

Hier werden Ihnen konkrete Fragen zu Ihren Lebenszielen und Vorstellungen eines guten Lebens gestellt.

Ihre Antworten werden übersetzt in präzise, ärztlich nachvollziehbare Formulierungen, die zu Ihrer Patienten­verfügung passen.

So funktioniert es:

  1. Im Online-Fragebogen unter „Behandlungen“ die Option „Wertvorstellungen ergänzen“ wählen
  2. „Vorschlag generieren“ anklicken, um den Generator zu starten
  3. Fragen beantworten, z. B. in Stichpunkten
  4. Formulierungsvorschlag in Sekunden erhalten
  5. Prüfen, bei Bedarf anpassen, übernehmen – fertig

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