
Besuch beim täglichen Notstand

Mehr als 80 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen werden daheim von Angehörigen und Helfern versorgt. Nun soll die Pflegeversicherung neu geordnet werden. Wie kommt das bei den Betroffenen an?
In einem der ausladenden weißen Bürgerhäuser Berlin-Pankows gibt es einen hellen Raum mit hoher Decke und einem schwarzen Loch. Die sieben Leute, die sich an die zu einem Rechteck geschobenen Tische gesetzt haben, sehen es nicht. Aber ihr Gespräch kreist um dieses Loch wie um einen Strudel.
„Mein Bruder vergisst immer mehr“, sagt eine Dame in schwarzem Shirt. „Er macht sein Ding, und ich bin manchmal…“; sie ballt eine Faust. Wenn sie mit dem Rad nach Hause fahre, sagt sie, schreie sie manchmal.
Ihr gegenüber sagt eine Frau im orangen Shirt: „Mir platzt manchmal der Kopf. Aber hab’ jetzt endlich mit meinem Bruder Tacheles geredet. Wenigstens die Arztbesuche mit unserer Mutter übernimmt nun meine Schwägerin. Aber er selber…“
„Es ist ein Vollzeit-Job“
Viele Sätze in diesem Raum enden abrupt, als verschwänden sie irgendwo. In der Gesprächsgruppe für pflegende und sorgende Angehörige bei der „Kontaktstelle PflegeEngagement“ (KPE) in Berlin-Pankow pflegen alle einen ihrer Lieben daheim. „Es ist ein Vollzeit-Job“, sagt eine Frau, sie hat ihr dichtes Haar mit einem Zopf gezähmt. Julia Giese leitet die Gruppe. „Und das kommt auf die Berufe ja nochmal drauf.“ Alle schweigen für einen Moment.
In diesem Raum wird deutscher Alltag verhandelt. Über 80 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen werden von ihren Angehörigen und ihren Helfern daheim versorgt. Giese weiß, was das heißt: Dauerstress für die Pflegenden.
Nun meldet sich Jule, eine Frau in einem himmelblauen Shirt: „Gestern war ich mit Katrin beim Arzt in der Charité für einen neuropsychologischen Test und zur Auswertung des MRTs: Das Gehirn schrumpft, Alzheimer sei nicht mehr im Frühstadium, sagte er.“ Sie schluchzt. „Sie werden deshalb die Infusionstherapie absetzen.“ Dabei habe das Medikament viele Amyloid-Plaques im Gehirn entfernt. „Das half Katrin sehr, sie konnte sich besser verbal ausdrücken.“ Sie sagt, sie sei heulend raus. Giese schiebt ihr eine Packung Papiertücher zu, auf ihr steht: „La Dolce Vita.“
Die Hilfe der Navigatoren
Die KPE unterstützt pflegende An- und Zugehörige sowie hilfebedürftige Menschen. Ihre Hauptaufgabe ist die Förderung von Ehrenamt und Selbsthilfe. Sie bietet psychosoziale Entlastungsgespräche, Begleitdienste und Freizeitangebote an, um die Lebensqualität zu verbessern und Einsamkeit im Pflegealltag zu reduzieren. Die KPE bilden ein Pilotprojekt seit 2010, das ein Netz um die Pflegenden daheim aufbauen will; es gibt sie in jedem Berliner Bezirk. Träger der KPE hier in Pankow ist der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg KdöR.
„Wir sind Navigatoren“, sagt Giese, als die Runde zu Ende ist und alle anderen schon weg sind. Die KPE werden zu 60 Prozent von den Pflegekassen und zu 40 Prozent vom Land Berlin finanziert. Noch immer ist der Bescheid der Weiterfinanzierung nicht da, „jedes Jahr ein neues Abenteuer“, lächelt Giese müde. Es gebe dieses afrikanische Sprichwort, sagt sie: Zur Erziehung eines Kindes brauche man ein ganzes Dorf. „Das gleiche gilt auch für die häusliche Pflege. Nur bröckelt gerade dieses Netz.“
In der Reform-Baustelle
1995 eingeführt, ist die soziale Pflegeversicherung (SPV) die jüngste Säule der Sozialversicherung. Zur ursprünglichen Teilabsicherung kamen Neuerungen, Pflegeleistungen und Regelungen hinzu – und dennoch schultern die Familien die Hauptlast. Nun wird über Kürzungen debattiert, damit die Kosten unter Kontrolle bleiben.
Die Ausgaben der SPV sind von rund 30 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf knapp 74 Milliarden Euro im Jahr 2025 gestiegen. Es muss also etwas geschehen. In der Bundesregierung zeigte man sich zunächst in Grundfragen uneins, im Frühsommer zirkulierte dann ein viel diskutierter Referentenentwurf mit zahlreichen geplanten Einschnitten.
Nun hat das Kabinett beschlossen: Bei den Einzahlungen sollen kinderlose Versicherte und Gutverdienende stärker belastet werden – dies indes wird die Finanzierungslücken in den Pflegekassen nicht schließen. Für Menschen in stationärer Pflege sollen die Eigenanteile zumindest nicht steigen. Aber bei der Erstbegutachtung der Pflegebedürftigkeit strebt die Koalition eine Neuausrichtung an. Wer etwa bei dieser durch den Medizinischen Dienst 28 Punkte erreicht, erhält derzeit den Pflegegrad 2; künftig soll dies nur für Pflegegrad 1 reichen, was weniger Leistungen bedeutet.
Ein Eingriff in den Alltag
Außerdem sollen Einzelleistungen gekappt werden, wie zum Beispiel der Entlastungsbetrag: Diese monatliche Pauschale in Höhe von 131 Euro erhalten alle Pflegebedürftigen für Unterstützungsleistungen im Alltag, künftig soll dies für den Pflegegrad 1 wegfallen und für die Grade 2 bis 5 in ein Sozialraumbudget mit diversen Nutzungseinschränkungen übergehen. Konkret bedeutet der aktuelle Entlastungsbetrag zum Beispiel für die Dame im schwarzen Shirt, dass sie ihrem Bruder damit einen Ausflug zur Westernstadt „El Dorado“ in Templin ermöglichen konnte, „er ist doch so ein Cowboyfan“, hatte sie gesagt. Die meisten Familien nutzen den Betrag für Reinigungsdienste, damit im Pflegealltag nicht das Chaos ausbricht. Für die einen ist die Hilfe ein verzichtbarer Luxus, für die anderen eine Chance auf Durchatmen und Erlebnis in einem grauen Meer, von der man noch lange zehrt.
Eine Woche später steht Katrin vorm Kühlschrank ihrer Wohnung und studiert das Innere. Essen fürs Frühstück soll sie rausnehmen, an den Schubladen kleben Zettel wie „unten“, „Mitte“ und „oben“ – je nach der Höhe, in der sie stehen; eine Orientierung dort, wo es immer weniger gibt. Sie zögert. Nimmt einen Plastikbehälter mit Käse raus und stellt ihn wieder zurück. Sie schaut rüber zu Jule, ihre Augen spiegeln ein stummes „Und was jetzt?“.
Diese verdammte Hilflosigkeit
Die Eiweißablagerungen in ihrem Gehirn machten sich 2022 bemerkbar, die Exceltabellen sagten der Bilanzbuchhalterin plötzlich wenig, und sie meinte auf der Straße Leute wiederzuerkennen, die ihr fremd waren. Damals war sie 49. Mit der Diagnose ein Jahr später war sie erstmal platt. „Ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein.“ Katrin lacht viel, sie versucht damit Situationen zu überspielen, eine Leichtigkeit soll Kontrolle zeigen, ein Signal, dass sie doch dabei ist. Bleibt nur oft die Hilflosigkeit, die schon zwei Knöpfe am Hemd auslösen können, die Orientierungslosigkeit und das Vergessen, dass sie auch mal essen muss.
„Ich verstehe nicht, warum du keine Depression bei diesem täglichen Frust bekommen hast“, sagt Jule.
„Ach nee“, sagt Katrin.
Die beiden Ehefrauen streicheln sich oft über den Unterarm, sie halten gern ihre Hände, und dies nicht nur zum Halt.
Ein schleichender Verlust von Freiheit
War Katrin früher gern draußen unterwegs, ging sie seit dem Beginn der Demenz mindestens einmal im Monat verloren, dann trieb es sie irgendwohin. Seitdem verlässt sie die Wohnung nicht mehr allein, „das ist blöd“, sagt sie, „aber was soll man machen?“. Wartet dann auf ihre Jule, die als Gymnasiallehrerin für die Pflege ihre Stundenzahl auf 75 Prozent reduzierte und dennoch immer längere Tage hat. Da sind die gemeinsamen Gänge zum Einkauf, zum Arzt, zu Therapien und zum Klo, da warten aber auch die Klausuren, die korrigiert werden wollen; oft sitzt Jule bis eins in der Nacht am Schreibtisch. „Kaltes Wasser auf die Stirn ist super“, sagt sie.
Und dann ist da noch Jules Tochter, die mit ihnen wohnt und bald ein Studium beginnt. Auch sie braucht Aufmerksamkeit, sie lebt mit Asperger-Autismus und einer bipolaren Störung. Jule ist eine Macherin. Eine, die anschiebt. Und der man in den kurzen Momenten eines Besuchs nicht ansieht, dass jede Batterie einmal am Ende ist.
Es klingelt. Zwei junge Frauen vom Begleitservice des Verkehrsverbunds VBB sind an der Tür. Sie werden Katrin mit der S-Bahn zur Ergotherapie begleiten. „Ich finde es krass“, sagt Jule, „wie auf dem Rücken der pflegenden Angehörigen die Kassen saniert werden sollen“. Als Katrin ihre Diagnose bekam, kündigte ihr erstmal die Krankenkasse, da auf Grund ihrer resultierenden Arbeitslosigkeit keine Beiträge mehr bezahlt wurden. „Wenn wir nicht verheiratet wären, hätte ich sie nicht familienversichern können.“
Gut ist es nie
Giese, eine der KPE-Koordinatorinnen, die nun ihren Besuch beim Paar beendet, kennt diese Untiefen. Seit 30 Jahren arbeitet die Krankenschwester und Medizinpädagogin in der Pflege. Sie sagt: „Schon 1996 sprach man vom Pflege-Notstand. Verbessert hat sich seitdem nichts. Im Gegenteil.“
Acht Kilometer südlich empfängt Emmi Zeulner in ihrem Büro im Jakob-Kaiser-Haus. Die gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin vertritt für die CSU seit 2013 ihren Wahlkreis Kulmbach im Bundestag. Und ringt um eine Verbesserung der Pflege. „Die öffentliche Debatte konzentriert sich zu stark auf die stationäre Pflege“, sagt die 39-Jährige und schenkt sich ein Glas Wasser ein. „Das Thema Pflege wird zu wenig im politischen Berlin wahrgenommen.“
Die Christsoziale sieht ihre politische Arbeit auf dem Boden der Katholischen Soziallehre. Da seien etwa die Frauen, die vor allem pflegten. „Das sind die Töchter und Schwiegertöchter. Dafür braucht es einen adäquaten Ausgleich und keine Bestrafung bei den Rentenpunkten.“ Zeulner wünscht sich mehr Achtsamkeit, aber auch mehr Effizienz: Sie schlägt eine professionelle Vertretung der Pflege analog der Ärztekammer vor. Denn: „Die Zukunft der Pflege liegt in einem Netzwerk. Dafür sind die Pflegestützpunkte auszubauen, und zwar regelfinanziert.“ Draußen fliegt ein Schwarm Krähen vorbei.
Transformation ist jetzt
Die Pflege in Deutschland wird sich verändern. Allein der demografische Wandel mit immer mehr Gepflegten und weniger Pflegenden verlangt nach Antworten. Das Beschäftigungswachstum in der Pflege wird statistisch gesehen ausschließlich durch ausländische Kräfte getragen, sie bilden mittlerweile das Rückgrat des Systems. Und Institutionen setzen zunehmend KI ein, um die Dokumentationspflichten zu reduzieren. Auch findet Robotik den Eingang in die Pflege; nicht als Ersatz, aber sie entlasten. Kleinroboter interagieren mit Demenzkranken, sie erkennen Mimik und unterhalten Patienten.
„Wir brauchen jeden Strohhalm, um das Netz der Pflege zu bauen“, sagt Giese von der KPE ein paar Tage nach dem Besuch in der Gruppe. „Die Pflegekräfte tun ihr Bestes – die beruflichen und die Angehörigen. Aber es braucht mehr Zeit.“ Sie erzählt von einem an Alzheimer erkrankten Bewohner eines Pflegeheims, der aggressiv wurde, wenn er im Rollstuhl saß. „Erst Wochen später fand das Personal heraus, dass er eine offene Wunde am Gesäß hatte.“
Zeit ist bei der Pflege die härteste Währung. Zumindest Giese und ihre KPE mit den 1343 Klientenkontakten allein im vergangenen Jahr kriegen davon ein wenig: Der Bescheid der Weiterfinanzierung ist endlich da. „Das Abenteuer geht weiter.“
Das plant die Regierung zur Pflege
Die Bundesregierung hat sich nach langem Streit darauf verständigt, wie die Pflegeversicherung angesichts steigender Kosten stabilisiert werden soll. Über eine grundlegende Reform soll aber zunächst eine Kommission beraten. Der Gesetzentwurf der Regierung sieht unter anderem vor:
- Der Beitragssatz der Pflegeversicherung soll bei 3,6 Prozent gehalten werden
- Versicherte ohne Kinder sollen künftig einen höheren Zuschlag zahlen
- Wie in der gesetzlichen Krankenversicherung soll ein Zuschlag für die Mitversicherung von Ehegatten und Lebenspartnern erhoben werden
- Durch einen Anstieg der Beitragsbemessungsgrenze werden höhere Einkommen stärker belastet
- Entgegen den ursprünglichen Plänen wird bei den Rentenversicherungsbeiträgen für pflegende Angehörige nicht gekürzt
- Der Entlastungsbetrag von 131 Euro im Monat entfällt für den Pflegegrad 1; bei einem höheren Pflegegrad tritt an seine Stelle ein Sozialraumbudget, das stärker zweckgebunden ist
- Härtere Kriterien bei der Begutachtung sollen es erschweren, einen der Pflegegrade 1 bis 3 zu erreichen
Tipp: Welche Fragen die Reform bei Betroffenen aufwirft, beantwortet unser Experte im Webinar zur Pflegereform.
