Döstädning: Befreit „Death Cleaning“ das Leben?

Henrike Buss
Vom 12.08.2026

„Müllers* sortieren all ihre Sachen aus. Damit nichts Unnötiges mehr da ist, wenn sie sterben. Sie haben jetzt ganz viele leere Regale im Keller.“ Als meine Mutter mir von der neuen Lebensweise ihrer Freunde erzählt, ist sie entrüstet.

Ich kann das verstehen: Sie sind doch erst um die 70, komplett fit und gesund. Warum wollen sie sich schon so intensiv mit dem Tod beschäftigen?

Das Konzept, dem die Müllers folgen, nennt sich „Döstädning“ – und sie sind bei Weitem nicht alleine damit.

Was bedeutet Döstädning?

Das schwedische Wort „Döstädning“ setzt sich zusammen aus „dö“ (Tod) und „städning“ (aufräumen). Es geht darum, Dinge auszusortieren, die man nicht mehr braucht, um Ordnung in das eigene Zuhause zu bringen.

Bekannt wurde der Trend durch die Schwedin Margareta Magnusson und ihr Buch „Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen“. Für sie ist das Loslassen kein trauriger Akt, sondern eine Erleichterung.

Mehr als nur Spuren verwischen

Das Verhalten der Müllers wirkte zunächst rational und selbstlos auf mich: So wie ich es verstand, wollten sie ihren Nachfahren nicht zur Last fallen. Dafür setzen sie sich intensiv mit ihrer eigenen Vergänglichkeit auseinander – für mich fühlte sich das an wie eine große Opferbereitschaft.

Doch nach weiteren Gesprächen verstand ich, dass ihre primäre Motivation eine ganz andere ist: Sie wollen ihre Selbstbestimmung und Privatsphäre wahren. Sie mochten den Gedanken nicht, dass Erben später durch all ihre privaten Gegenstände wühlen.

Zudem hatten sie über Jahrzehnte haufenweise Equipment für ihre Hobbys angesammelt. So war Herr Müller beispielsweise passionierter Hochseeangler – und seine Angelausrüstung verstaubte schon seit Jahren im Keller. „Darüber freuen sich doch andere. Warum sollten wir das alles im Keller behalten?“, sagten sie.

Die Vorteile des Konzepts

Laut Margareta Magnusson und Verfechtern der Methode bietet Döstädning noch weitere Vorteile:

  • Mehr Platz und Zeit: Durch konsequentes Ausmisten gewinnt man im Jetzt Ruhe für Dinge, die wirklich wichtig sind. Zudem bekommt man einen besseren Überblick über das, was man hat und nutzt es sinnvoller.
  • Frieden mit der Vergangenheit schließen: Beim Aussortieren schwelgt man in Erinnerungen und wertschätzt das Erlebte. Man kann sortieren und auch abschließen.
  • Kontrolle behalten: Man entscheidet selbst, welche Dinge bleiben und die eigene Geschichte erzählen.
  • Entlastung der Familie: Angehörige müssen später keine schweren Entscheidungen über Berge von Erbstücken treffen. So werden auch Streitigkeiten vermieden.

Erinnerungen dürfen bleiben

Bedeutet das, alles ohne Funktion muss weg? Was ist mit dem Kinoticket vom ersten Date oder den Urlaubsfotos? – Nein, auch Sentimentalitäten haben ihren Platz.

Magnusson selbst nutzt dafür eine „Wegwerf-Kiste“. Darin sammelt sie zum Beispiel Fotos und persönliche Briefe. Nach ihrem Tod können ihre Erben diese Kiste ungeöffnet entsorgen – denn ihr Wert bestand nur für sie selbst.

Nicht deprimierend, sondern befreiend

Die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit ist in unserer Gesellschaft unüblich. Viele empfinden das Thema als deprimierend und verdrängen es eher.

Laut Magnusson geht es jedoch trotz der Namensgebung gar nicht um den Tod, sondern vielmehr um „die Geschichte Ihres Lebens, die guten und die schlechten Erinnerungen. Die guten behalten Sie, die schlechten löschen Sie aus.“ Kurz gesagt: Entsorgen Sie, was Sie nicht glücklich macht.

Tatsächlich muss der Tod laut ihr auch noch gar nicht in unmittelbarer Nähe sein, um mit Döstädning anzufangen. Magnusson empfiehlt, schon früh mit dem Hinterfragen von Sammelgewohnheiten zu beginnen. Ein guter Zeitpunkt für den Start sei oft schon das Alter um die 40 Jahre.

(* Name geändert)

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